Die Müdigkeit der Guten
Vom Sortieren, Grüssen und anderen Pflichten
Ich bin ein guter Mensch. Das ist keine Prahlerei, sondern eine Diagnose.
Ich halte Türen auf. Nicht nur für Leute, die direkt hinter mir gehen, was eine einfache Sache wäre, eine Sekunde, man hält, der andere geht durch, fertig. Ich halte Türen auf für Leute, die noch acht Meter entfernt sind. Das bedeutet, dass ich dastehe, die Tür in der Hand, lächelnd, während der andere beschleunigen muss, weil er spürt, dass jemand auf ihn wartet. Er will höflich sein, also geht er schneller. Ich sehe, dass er schneller geht, und fühle mich schlecht, weil ich ihn durch meine Freundlichkeit zum Rennen gezwungen habe. Er kommt an, leicht ausser Atem, sagt «Merci», ich sage «Bitte», und wir haben beide verloren. Er, weil er rennen musste. Ich, weil ich drei Sekunden lang, wie ein Türsteher dastand und jetzt nicht mal sicher bin, ob das Ganze freundlich war oder übergriffig.
Ich lasse Leute an der Migros-Kasse vor, wenn sie weniger Artikel haben als ich. Das klingt nach einer einfachen Regel, und man möchte meinen, die Welt funktioniert so, aber die Welt funktioniert nicht so, weil es sofort kompliziert wird. Was heisst «weniger»? Wenn ich zwölf Artikel habe und der andere elf, lasse ich ihn dann vor? Ist eine Sechserpackung Joghurt ein Artikel oder sechs? Was ist mit losen Äpfeln im Beutel? Und darf man die eigene Eile über die Artikelzahl des anderen stellen? Es gibt für diese Fragen keine Antworten, jedenfalls keine, die man an einer Migros-Kasse in angemessener Zeit formulieren könnte, weshalb ich grundsätzlich jeden vorlasse und dann als Letzter dran bin, leicht verschwitzt und mit dem Gefühl, etwas Gutes getan zu haben, das ausser mir niemand bemerkt hat.
Es gibt eine Regel, die nirgends steht und die jeder kennt: Man grüsst auf dem Wanderweg.
Das klingt harmlos, und es wäre harmlos, wenn der Wanderweg ein Ort wäre, an dem man gelegentlich jemandem begegnet. Aber der Wanderweg - besonders an einem Sonntag im Oktober, wenn die Herbstsonne im richtigen Winkel scheint, die Blätter die richtige Farbe haben und die halbe Stadt beschlossen hat, auf den Berg zu gehen - ist ein Ort, an dem man alle zwanzig Sekunden jemandem begegnet. Und jeden muss man grüssen.
Grüezi. Grüezi. Grüezi.
Es beginnt frisch, am Anfang des Weges, wenn die Beine noch leicht sind und der Atem reicht. Man sagt Grüezi, man meint es, man lächelt, man schaut dem anderen in die Augen, ein kurzer Moment der Menschlichkeit unter freiem Himmel. Schön. Nach einer halben Stunde ist das Grüezi zum Nicken geworden. Nach einer Stunde zum Murmeln. Nach anderthalb Stunden, bergauf, bei neunundzwanzig Grad, mit einem Rucksack, in dem eine Flasche Wasser war, die man längst getrunken hat, ist das Grüezi ein Geräusch, das entfernt an menschliche Sprache erinnert, eine Art Grunzen mit Schweizer Intonation, und der andere grunzt zurück, und man geht weiter, und zwanzig Sekunden später kommt der Nächste.
Die Frage, die ich mir seit Jahren stelle und die ich nie laut zu formulieren wage: Ab wann darf man aufhören? Gibt es eine Höhe, eine Temperatur, einen Erschöpfungsgrad, ab dem das Schweigen gesellschaftlich akzeptabel wird? Gibt es eine Art moralische Baumgrenze, oberhalb derer die Höflichkeit nicht mehr gedeiht?
Das Schlimmste ist, wenn man denselben Menschen zweimal kreuzt. Auf dem Hin- und auf dem Rückweg. Grüsst man nochmal? Tut man so, als sähe man den anderen nicht? Oder sagt man etwas Persönliches, etwa «Schön da oben, nicht?», was einen in ein Gespräch verstrickt, für das man weder die Luft noch die Neigung hat? Ich grüsse. Immer. Auch beim zweiten Mal. Auch bergauf. Auch in der Hitze. Nicht weil es mir Freude macht, sondern weil mein Mund schneller ist als mein Wille.
Ich trenne Altglas nach Farbe. Das muss man erklären, vermutlich auch für Leser, die es selbst tun.
Recycling ist hier kein Vorschlag. Es ist eine Lebenshaltung, ein bürgerliches Sakrament, und es hat Regeln, die in ihrer Komplexität an das Steuerrecht heranreichen. Altglas wird nach Farbe sortiert: Grün, Braun, Weiss. Papier wird am ersten Donnerstag im Monat gebündelt an die Strasse gestellt, gebunden mit Schnur, nicht mit Klebeband, weil Klebeband die Maschinen beschädigt, wie mir Frau Meier aus dem Erdgeschoss einmal erklärt hat, ungefragt, um sieben Uhr morgens, in Pantoffeln. Karton kommt separat, am zweiten Donnerstag. PET-Flaschen gibt man im Laden ab. Batterien in der Migros. Und den normalen Abfall wirft man in einen offiziellen Kehrichtsack, der pro Stück über zwei Franken kostet, was bedeutet, dass man sogar fürs Wegwerfen zahlt, weshalb Wegwerfen die teuerste und Sortieren die billigste Option ist, was vielleicht erklärt, warum das System funktioniert. Tugend und Sparsamkeit gehen hier denselben Weg.
Mein Nachbar Brunner wirft alles in einen Sack. Einen einzigen. Grün, Braun, Weiss, Karton, Papier, vermutlich auch die Batterien. Er bringt den Sack zur Sammelstelle, stellt ihn ab und geht.
Brunner ist siebenundfünfzig, Informatiker, geschieden, und hat eine Tochter in Berlin. Das weiss ich nicht, weil wir Freunde sind, sondern weil man in einem Mietshaus alles über seine Nachbarn weiss, ohne je gefragt zu haben. Die Briefkästen stehen nebeneinander. Die Waschküche teilt man sich, nach einem Belegungsplan, der an der Wand hängt und der so verbindlich ist wie die Bundesverfassung und öfter gelesen wird. Und Frau Meier im Erdgeschoss führt über die Angelegenheiten des Hauses eine Art informelle Chronik, die in ihrer Detailtiefe jede Nachrichtenagentur beschämen würde. Von Frau Meier weiss ich, dass seine Tochter im März Geburtstag hat und dass er einmal, im Sommer 2022, einen Streit mit dem Paketboten hatte, dessen Ursache Frau Meier trotz erheblicher Recherche nicht ermitteln konnte, was sie bis heute beschäftigt.
Brunner ist kein schlechter Mensch. Das sage ich, weil ich es glaube, und weil der Satz notwendig ist, um zu erklären, was folgt: Ich beneide ihn. Nicht um sein Leben, nicht um seine Wohnung, nicht um seine geschiedene Gelassenheit. Ich beneide ihn um seine Mühelosigkeit. Brunner hat nie Altglas sortiert, also muss er nicht damit aufhören. Er hat nie Petitionen unterschrieben, also geht er nicht an ihnen vorbei. Er schläft gut. Ich weiss das, weil die Wände dünn sind.
In Mietshäusern nimmt man Pakete für Nachbarn an. Es steht nicht in der Hausordnung. Es ist kein Gesetz. Und trotzdem tut man es, weil die Alternative wäre, dem Paketboten zu sagen: «Nein, das nehme ich nicht an», während man genau weiss, dass Brunner hinter seiner Tür steht, dass er die Klingel gehört hat, dass er einfach beschlossen hat, nicht zu öffnen, was eine Freiheit ist, die ich nicht besitze.
Ich habe für Brunner in den letzten zwei Jahren geschätzt vierzig Pakete angenommen. Bücher, Elektronik, einmal etwas, das verdächtig nach Katzenfutter roch, obwohl Brunner keine Katze hat, ein Rätsel, das Frau Meier und mich gleichermassen beschäftigt. Jedes Mal dasselbe Ritual: Klingel. Paketbote. «Für Brunner?» «Ja.» Paket im Flur. Am Abend Klingel. Brunner. «Danke.» «Kein Problem.» Es ist kein Problem. Es ist auch kein Vergnügen. Es ist eine Pflicht, die irgendwann zwischen Gewohnheit und Resignation aufgehört hat, etwas zu sein, worüber man nachdenkt.
Einmal, letzten November, war ich nicht da. Ich war bei einem Freund, was selten vorkommt, und als ich nach Hause kam, lag ein Zettel im Briefkasten: «Paket bei Nachbar Brunner abgegeben.» Mein Paket. Bei Brunner. Es war das erste Mal in drei Jahren, dass Brunner etwas für mich angenommen hatte. Ich klingelte am Abend, und Brunner öffnete mit einem Gesichtsausdruck, der Überraschung und leichte Verärgerung mischte, als hätte man ihm eine Aufgabe gegeben, für die er nicht bezahlt wird. «Dein Paket», sagte er. Ich sagte «Danke». Er sagte nichts. Wir schauten uns an. Es war ein Moment, wie wenn jemand, der immer gibt, zum ersten Mal etwas nimmt, und keiner von beiden weiss, wie das geht.
Die Geburtstagskarte.
Ich weiss nicht, wann Geburtstagskarten angefangen haben, mich zu überfordern. Nicht alle. Die für Freunde, für Familie, die sind einfach. Man weiss, was man fühlt, und man schreibt es hin. Es sind die anderen. Die Karten für Kollegen, die man mag, aber nicht genug, um ehrlich zu schreiben, und für die man zu anständig ist, um nichts zu schreiben.
Man steht in der Papeterie, und allein das Wort «Papeterie» zeigt, in welcher Welt man sich bewegt, einer Welt, in der man für den Kauf einer Geburtstagskarte einen eigenen Laden aufsucht, der so heisst, als verkaufe er seltene Manuskripte, und in dem eine Frau hinter dem Tresen steht, die einen anlächelt, als wüsste sie genau, warum man hier ist und wie wenig man diesen Kollegen eigentlich mag. Man sucht eine Karte, die weder zu herzlich noch zu kühl ist, die nichts verspricht und nichts verweigert. Es gibt einen ganzen Wirtschaftszweig, der von dieser Verlegenheit lebt. Karten mit Landschaften. Karten mit Katzen. Karten, die «Alles Liebe» sagen, was zu viel ist, und Karten, die «Viel Glück» sagen, was klingt, als stünde eine Operation bevor.
Man entscheidet sich für die Landschaft. Man öffnet die Karte und schreibt: «Alles Gute zum Geburtstag! Herzliche Grüsse.» Man schreibt es, und es stimmt nicht, weil die Grüsse nicht herzlich sind, sondern pflichtbewusst, und weil «alles Gute» der leerste Wunsch ist, den die deutsche Sprache hervorgebracht hat, gleich nach «schönes Wochenende» und «muss auch mal sein». Aber man schreibt es, weil die Alternative, nichts zu schreiben, im Büro ein Akt der Aggression wäre, der schlimmer wiegt als jede ehrliche Unhöflichkeit.
Die Zeitung.
Ich habe die Zeitung gelesen. Jahrelang, gewissenhaft, mit der Überzeugung, dass ein informierter Bürger ein besserer Bürger sei. Was in der Theorie stimmt, und in der Praxis bedeutet, dass man jeden Morgen vierzig Minuten damit verbringt, sich schlecht zu fühlen.
Ich las über den Klimawandel und dachte: Ich müsste etwas tun. Über Kriege: Ich müsste etwas tun. Über die Wohnungsnot, die Bildungslücke, das Artensterben, die Plastikverschmutzung der Meere, die Einsamkeit alter Menschen und den Zustand des öffentlichen Diskurses: Ich müsste etwas tun, etwas tun, etwas tun. Jeder Artikel war ein Auftrag, und keinem kam ich nach, und jedes Nicht-Nachkommen reihte sich an die anderen, bis ich eines Morgens, irgendwann im letzten Frühling, die erste Seite übersprang und direkt zur Kulturbeilage blätterte.
Die Kulturbeilage. Der Ort, an den sich die müden Guten zurückziehen. Man liest über eine Ausstellung im Kunsthaus, über einen Roman, der die Gesellschaft «klug befragt», über ein Konzert, das «neue Wege geht», und fühlt sich informiert, ohne schuldig zu werden. Bildung statt Gewissen. Es ist der moralische Ruheraum der Mittelschicht, und er riecht nach Espresso und nach dem guten Gefühl von Leuten, die wissen, wer dieses Jahr den Büchner-Preis bekommen hat, aber nicht, wie viele Menschen gestern im Mittelmeer ertrunken sind. Ich gehöre dazu. Seit letztem Frühling. Es geht mir besser. Darüber schäme ich mich auch.
Ich überweise seit fünf Jahren monatlich dreissig Franken an eine Organisation, die Brunnen in Ostafrika baut. Ich habe die Organisation damals sorgfältig ausgesucht, drei Abende lang, mit einer Gründlichkeit, die ich meiner Steuererklärung nie zugestanden habe: Berichte verglichen, Transparenz-Ratings geprüft, Verwaltungskosten studiert. Dann habe ich den Dauerauftrag eingerichtet und seither nie wieder auf die Website geschaut.
Ich weiss nicht, ob die Brunnen funktionieren. Ich weiss nicht, ob dreissig Franken im Monat etwas bewirken oder ob sie in einem Verwaltungsapparat versickern, was bei einer Organisation, die Brunnen baut, eine bedauerliche Metapher wäre. Was ich weiss, ist, dass ich den Dauerauftrag nicht kündigen kann. Nicht technisch, technisch ist es ein Klick. Moralisch. Den Dauerauftrag kündigen hiesse, aufgegeben zu haben. Dreissig Franken im Monat machen nicht den Unterschied zwischen Engagement und Gleichgültigkeit. Aber sie fühlen sich an wie die letzte Linie. Dahinter liegt Brunner-Land. Und dahin will ich nicht.
Es gibt ein Wort, das ich in letzter Zeit oft denke und nie ausspreche: Genug.
Nicht genug im Sinne von «ausreichend». Genug im Sinne von «ich kann nicht mehr». Der Unterschied ist wichtig. Der erste Satz bedeutet, dass die Arbeit getan ist. Der zweite, dass sie es nicht ist, dass sie nie getan sein wird, weil Gutsein kein Projekt ist, das man abschliesst, sondern ein Zustand, den man aushält.
Aber ich sage es nicht. Ich sage es nicht, weil ein guter Mensch das Wort «genug» nicht ausspricht, so wie man im Tram nicht laut telefoniert: Es steht nirgends, aber es gilt. Also macht man weiter. Man sortiert, man grüsst, man lässt vor, man nimmt an, man spendet, man schreibt «Herzliche Grüsse» auf Karten, die man nicht herzlich meint. Man macht all das, nicht weil man daran glaubt, dafür ist man zu müde, sondern weil man vergessen hat, wie man aufhört.
Die Güte ist kein Entscheid mehr. Sie ist ein Muskel, der sich nicht entspannen kann.
Letzte Woche, Dienstagabend, Tram Nummer 13, Richtung Albisgütli.
Ich sass. Es war ein langer Tag, die Art von Tag, an dem man im Sitzen einschlafen könnte und im Stehen auch, und an dem man hofft, dass alle Menschen im Tram jünger, gesünder und ausgeruhter sind als man selbst, damit man sitzen bleiben darf, mit dem Segen des eigenen Gewissens, das an guten Tagen ein milder Richter ist, aber an schlechten ein Staatsanwalt.
Eine Frau stieg ein. Siebzig, vielleicht älter. Migros-Tasche, die schwer aussah. Sie schaute in den Wagen. Kein freier Platz.
Ich schaute auf mein Handy. Brunner-Methode: beschäftigt aussehen, nichts sehen müssen. Es war das erste Mal, dass ich die Brunner-Methode anwandte, und ich wusste, während ich es tat, dass ich es tat, und ich tat es trotzdem.
Dann stand jemand auf. Ein junger Mann, vielleicht zwanzig, Kopfhörer, Turnschuhe, und er stand einfach auf, wortlos, ohne Geste, ohne die Erwartung eines Dankes, und die Frau setzte sich, und der junge Mann schaute aus dem Fenster, als wäre nichts geschehen.
So sieht es also aus, dachte ich, wenn es nicht müde ist.
Ich stieg zwei Stationen später aus. Ging nach Hause. Stellte die Schuhe an die Tür. Legte mich ins Bett. Konnte nicht einschlafen, was selten vorkommt und in diesem Fall daran lag, dass ich im Dunkeln lag und an einen Zwanzigjährigen dachte, der aufgestanden war, und an mich, der sitzen geblieben war, und an die Frage, ob das die Müdigkeit war, von der hier die ganze Zeit die Rede ist, oder etwas anderes. Etwas Schlimmeres.
Nächsten Dienstag werde ich aufstehen.
Nicht weil ich ein guter Mensch bin. Sondern weil ich keiner sein möchte, der es nicht mehr ist.
Das ist vielleicht das Einzige, was von der Güte übrigbleibt, wenn die Überzeugung verbraucht ist und die Energie aufgebraucht und der gute Wille nur noch ein Reflex: die Gewohnheit. Das letzte, müde, hartnäckige Überbleibsel von etwas, das einmal ein Entscheid war.
Christian Ziegler. Vom Sortieren und Grüssen.