Eine Sammlung von Stücken
Mit der Zeit gewöhnt man sich an Vieles. Vieles davon ist klug. Einiges ist merkwürdig. Und manches hat sich so unauffällig eingerichtet, dass man irgendwann aufhört zu fragen, woher es eigentlich gekommen ist.
Diese Stücke nehmen sich dieses Unauffälligen an. Mit Wohlwollen, mit etwas Geduld, und der Vermutung, dass das Hinschauen oft schon das Erste ist, was hilft. Und manchmal, wenn man Glück hat, das Einzige.
Der stille Vertrag
Ein Plädoyer für das, was möglich wäre.
Es passiert an einem Mittwoch, ohne Vorwarnung. In einem Statusmeeting, das seit Monaten nach demselben Skript läuft. Zwölf Leute, ein Beamer, eine Ampel, die auf Grün steht. Jemand hat die Folien vorbereitet, jemand anderes nickt. Der Kaffee ist lauwarm, die Luft verbraucht. Draussen regnet es. Dann sagt eine Kollegin einen Satz, der nicht vorgesehen ist. Nicht laut, nicht dramatisch. Sie lehnt sich nicht einmal vor. Sie sagt: «Ich glaube, wir reden seit drei Monaten über das Falsche.»
Die leere Folie
Ein Essay über den Mut, nicht zu wissen.
Montagmorgen, neun Uhr, dritter Stock. Der Beamer wirft ein weisses Rechteck an die Wand. PowerPoint ist offen. Folie eins: leer. Acht Leute sitzen um den Tisch. Produkt-entwicklung, Vertrieb, Strategie, jemand aus der Geschäftsleitung, jemand, der hier eigentlich nicht hingehört, aber trotzdem da ist. Alle warten darauf, dass jemand anfängt.
Die falsche Dringlichkeit
Ein Denkstück in fünf Akten.
Montagmorgen, neun Uhr, Standup. Geplant: fünfzehn Minuten. Nach fünfundvierzig Minuten reden sie immer noch. Jeder berichtet, was ihn blockiert. Niemand bemerkt, dass die grösste Blockade der Raum ist, in dem sie stehen.
Zwischen den Wörtern
Die Sprache, die denkt.
Ein Fünfjähriger sitzt am Tisch, Familienessen, Besuch von Bekannten. Die Erwachsenen reden über einen gemeinsamen Freund, der gerade seine Stelle verloren hat. Man bedauert, man relativiert, man sagt: Er wird schon etwas finden. Die Worte kreisen um das Thema, ohne es zu berühren.
Erstmal Kaffee
Technisch korrekt und emotional tot
Die Kellerbar Rosengarten roch nach Bier, feuchtem Stein und dem Deo von zwanzig Leuten, die sich an einem Dienstagabend in einen Raum quetschten, der für fünfzehn gebaut war. Die Decke war so tief, dass der Barkeeper - ein grosser Mann - beim Zapfen den Kopf einzog, was ihm über die Jahre eine leichte Vorneigung beigebracht hatte, als verbeuge er sich permanent vor seinen Gästen. An den Wänden hingen Konzertplakate aus den Neunzigern, die Ränder gewellt von der Feuchtigkeit, Zeugen einer Zeit, in der in diesem Keller Bands spielten, die es ebenfalls nicht geschafft hatten. Über der Bühne, wenn man das Podest aus vier Europaletten so nennen wollte, hing eine einzelne Lampe an einem Kabel, das mit Klebeband an einem Wasserrohr befestigt war. Sie warf einen Kreis auf den Boden, etwa einen Meter im Durchmesser. Das war die Bühne. Alles, was ausserhalb des Kreises lag, war Dunkelheit, Publikum und der Geruch von Pommes aus der Küche nebenan.
Die Vermessung
Teilweise erreicht.
Die Küche riecht nach Lauch. Das Abendessen war vor zwei Stunden, aber Lauch hält sich - das ist das Wesen von Lauch. Ruth Ammann hat den Tisch abgewischt, die Teller in die Maschine geräumt, die Pfanne eingeweicht, die Katze gefüttert, das Fenster gekippt, die Kaffeemaschine für morgen früh mit Wasser und Bohnen befüllt und den Geschirrspüler gestartet. Sie hat all das getan in der bestimmten Reihenfolge, in der man Dinge tut, wenn man die eigentliche Arbeit noch vor sich hat und das Abwaschen plötzlich eine erfreuliche Tätigkeit wird.
Die Entdecker, die niemand ruft
Ein Versuch im Weglassen.
Es gibt ein Wort für das, was Organisationen tun, wenn sie das Bekannte wiederholen, statt Neues zu suchen. Es gibt Theorien darüber, warum stabile Gesellschaften verkrusten. Es gibt Modelle für technologische Wellen, die sich seit zweihundert Jahren wiederholen. Es gibt eine Analyse der drei Reflexe, mit denen jede Veränderung abgewehrt wird. Es gibt Feldstudien über Gemeinschaften, die komplexe Probleme ohne Staat und ohne Markt lösen. Es gibt eine Journalistin, die gezeigt hat, dass Unordnung lebendiger ist als Planung. Es gibt einen Philosophen, der nachwies, dass wir mehr wissen, als wir sagen können. Es gibt eine Essayistin, die das Sich-Verirren zur Methode erklärt hat. Es gibt einen Dissidenten, der beschrieb, was passiert, wenn ein Gemüsehändler aufhört, ein Schild ins Fenster zu stellen, an das er nicht glaubt. Und es gibt einen Mann, der vor vierhundert Jahren die Form erfand, in der dieser Text geschrieben ist: den Versuch, der sich selbst widerspricht.
Zur Kenntnisnahme
Protokoll einer Beobachtung
Zürich. In einem mittelgrossen Schweizer Unternehmen, gross genug für ein Innovation Board, klein genug, dass man sich im Flur grüsst, sitzt jemand in der Marktentwicklung und bemerkt etwas.
Gut genug
Eine Novelle.
Beat Hofer wurde in den Gemeinderat gewählt, weil sich sonst niemand aufstellen liess.
Gut genug
Randbemerkungen
Jemand sagt: «Das ist der richtige Weg.» Alle nicken. Niemand fragt: Woher wissen wir das?
Der offene Ausgang
Über den Wert, Neues entdecken zu wollen.
Ein Mann sieht etwas, das noch keinen Namen hat.
Die Müdigkeit der Guten
Vom Sortieren, Grüssen und anderen Pflichten
Ich bin ein guter Mensch. Das ist keine Prahlerei, sondern eine Diagnose.
Das offene Fenster
Oder: Warum sich alles schliesst
Frühling 2007. Eine Wohnung in San Francisco, dritter Stock, kein Aufzug. Das Fenster steht offen, weil die Heizung klemmt. Auf dem Schreibtisch zwei Bildschirme, daneben eine Kaffeetasse, die seit Tagen nicht gespült wurde. Drei Leute sitzen in einem Raum, der eigentlich ein Schlafzimmer ist.