Erstmal Kaffee
Technisch korrekt und emotional tot
Die Regel
Die Kellerbar Rosengarten roch nach Bier, feuchtem Stein und dem Deo von zwanzig Leuten, die sich an einem Dienstagabend in einen Raum quetschten, der für fünfzehn gebaut war. Die Decke war so tief, dass der Barkeeper - ein grosser Mann - beim Zapfen den Kopf einzog, was ihm über die Jahre eine leichte Vorneigung beigebracht hatte, als verbeuge er sich permanent vor seinen Gästen. An den Wänden hingen Konzertplakate aus den Neunzigern, die Ränder gewellt von der Feuchtigkeit, Zeugen einer Zeit, in der in diesem Keller Bands spielten, die es ebenfalls nicht geschafft hatten. Über der Bühne, wenn man das Podest aus vier Europaletten so nennen wollte, hing eine einzelne Lampe an einem Kabel, das mit Klebeband an einem Wasserrohr befestigt war. Sie warf einen Kreis auf den Boden, etwa einen Meter im Durchmesser. Das war die Bühne. Alles, was ausserhalb des Kreises lag, war Dunkelheit, Publikum und der Geruch von Pommes aus der Küche nebenan.
Mia Gerber stand in dem Kreis. Sie war sechsundzwanzig, gelernte Kauffrau, und arbeitete tagsüber bei einer Krankenkasse in Zürich, wo sie Leistungsabrechnungen prüfte und wo man sie mochte, weil sie pünktlich war und selten widersprach. Sie trug eine Jeans, die sie als ihre «Bühnenjeans» bezeichnete, obwohl sie dieselbe Jeans auch im Büro trug, und ein schwarzes T-Shirt, das sie am Nachmittag bei H&M gekauft hatte, weil ihr bisheriges schwarzes T-Shirt einen Fleck hatte, der nach Hummus aussah und auch Hummus war. In der linken Hand hielt sie das Mikrofon, etwas zu fest, die Knöchel schimmerten weiss. Die rechte Hand wusste nicht, wohin. Sie steckte sie in die Hosentasche, nahm sie wieder raus, legte sie auf die Hüfte, was aussah wie eine Aerobic-Übung, und liess sie schliesslich einfach hängen.
Von den neunzehn Leuten im Raum schauten vier auf ihre Handys, drei redeten miteinander, und eine schlief, den Kopf an die Schulter ihres Nachbarn gelehnt, der das entweder nicht bemerkte oder tolerierte. Die übrigen elf schauten Mia an, was, nach den Massstäben der Kellerbar Rosengarten, als überwältigende Mehrheit galt.
«Ich arbeite bei einer Krankenkasse», sagte Mia ins Mikrofon. «Mein Job ist es, eure Arztrechnungen zu prüfen. Ich bin sechsundzwanzig, ich habe eine kaufmännische Lehre, und ich entscheide, ob das, was euer Arzt gemacht hat, medizinisch notwendig war. Euer Arzt hat sechs Jahre studiert. Ich habe einen Ordner und eine Excel-Tabelle.»
Sie machte eine Pause. Zwei Sekunden, Blick ins Publikum, leichtes Lächeln. Genau so, wie sie es in einem YouTube-Video gelernt hatte, nachts um zwei, in der Küche, mit Kopfhörern. Die Lampe über ihr strahlte von oben, was bedeutete, dass ihr Gesicht im Licht war und ihre Augen im Schatten, was sie auf Fotos immer aussehen liess wie eine erschöpfte Waschbärin.
«Wir haben bei uns im Büro ein Programm, das heisst Gesund im Betrieb. Da gibt es einen Kurs: Stressbewältigung am Arbeitsplatz. Der Kurs findet mittwochs, um zwölf Uhr dreissig in der Mittagspause sttatt.Die einzige halbe Stunde am Tag, in der niemand Stress hat. Und die nimmt uns jetzt der Stressbewältigungskurs weg. Aber gut. Das Anmeldeformular hat sechs Seiten. Da meldet sich sowieso niemand an. Das ist wahrscheinlich die eigentliche Stressbewältigung: Aufgeben.»
Stille.
Irgendwo klapperte ein Glas. Der Mann in der zweiten Reihe schaute auf sein Handy. Die Frau neben ihm gähnte, diskret, hinter der Hand, was fast schlimmer war als offen.
Dani, der Barbesitzer, lachte. Er lachte immer, bei jedem Auftritt, bei jedem Witz. Es gehörte zum Service wie das Bier und die Erdnüsse. Sonst niemand.
Mia wechselte das Gewicht auf den anderen Fuss. Das Kabel des Mikrofons hatte sich um ihren Knöchel gewickelt. Sie trat zur Seite, stolperte leicht, fing sich. Niemand lachte. Hätte sie das absichtlich gemacht, wäre es vielleicht lustig gewesen. Aber sie hatte es nicht absichtlich gemacht, und das merkt man.
«Bei mir im Büro sitzt ein Mann, der heisst Markus. Er ist seit zweiundzwanzig Jahren bei der Krankenkasse. Er hat eine Tasse auf dem Schreibtisch, auf der steht: Ich muss hier nicht sein, ich darf hier sein. Die Tasse hat er sich selbst geschenkt. Zum zwanzigjährigen Jubiläum. Die Firma hat ihm eine Uhr geschenkt, aber Markus findet, was man mit zweiundzwanzig Jahren Lebenszeit wirklich nicht mehr braucht, ist eine Erinnerung daran, wie spät es ist.»
Jemand in der vierten Reihe schnaufte kurz. Es hätte ein Lachen sein können oder eine Erkältung.
Mia merkte, wie ihre Stimme dünner wurde. Das passierte immer ab Minute drei, verlässlich, wie ein Körper, der weiss, was der Kopf noch nicht zugeben will. Die Schultern wanderten nach oben, der Atem wurde flach, und die Sätze kamen schneller, als wollte sie den Raum mit Worten füllen, bevor die Stille zurückkam. Sie griff fester ans Mikrofon. Im Hintergrund zischte die Milchdüse der Kaffeemaschine. Jemand bestellte ein Bier. Das Geräusch des Alltags, der weiterging, während sie auf der Bühne stand und versuchte, ihn anzuhalten.
Das war ihr siebtes Open Mic. Bei den ersten drei hatte sie gezittert. Beim vierten hatte sie aufgehört zu zittern und angefangen, zu schnell zu reden. Beim fünften hatte sie jemand nach dem Auftritt gefragt, ob sie auch Impro mache, was eine höfliche Art war zu sagen, dass ihr Text nicht nach Text klang. Beim sechsten hatte ein Mann in der zweiten Reihe so laut gelacht, dass sie dachte, es laufe gut, bis sie merkte, dass er über eine WhatsApp-Nachricht lachte.
An einem durchschnittlichen Dienstagabend in der Kellerbar Rosengarten standen fünf bis sieben Leute auf der Bühne. Manche waren zum ersten Mal da, manche zum zwanzigsten, manche kamen seit zwei Jahren und waren nicht besser geworden, was sie aber nicht daran hinderte wiederzukommen, weil es in der Comedy-Szene ein Wort gibt, das alles entschuldigt: «Bühnenerfahrung». In der freien Wirtschaft heisst das Wort «Seniorität» und erfüllt denselben Zweck.
Von diesen fünf bis sieben Leuten brachte vielleicht einer den Raum zum Lachen. Wirklich zum Lachen, nicht das höfliche Ausatmen, das man Fremden schenkt, wenn man spürt, dass sie sich gerade verletzlich machen. Die anderen gingen nach Hause und sagten sich, dass es am Publikum lag, an der Akustik, am späten Slot, am falschen Wochentag.
Dani hatte Mia einmal nach dem Aufräumen erklärt, wie die Rechnung funktioniert. «Hundert Leute fangen an, zwanzig bleiben dran, fünf werden einigermassen gut, einer wird davon leben können. Vielleicht.» Er hatte die Gläser poliert, während er sprach, mit der Gelassenheit eines Menschen, der seit zwölf Jahren Comedians scheitern sieht und sie trotzdem auf die Bühne lässt.
«Und die anderen neunundneunzig?», hatte Mia gefragt.
«Werden Versicherungskaufleute.»
«Danke.»
«Oder sie eröffnen eine Kellerbar.»
Das Programm
Im Herbst hatte Mia beschlossen, ein eigenes Programm zu schreiben. Dreissig Minuten. Sie nannte es «Erstmal Kaffee», weil das der Satz war, den sie jeden Morgen sagte, bevor sie irgendetwas entschied, und weil er gleichzeitig harmlos und existenziell klang, je nachdem, wie man ihn betonte.
Sie schrieb drei Monate lang. Abends, nach der Arbeit, am Küchentisch in ihrer Zweizimmerwohnung in Wiedikon. Die Tasse stand links, das Notizbuch rechts, und zwischen beidem lag der Stift, den sie öfter hinlegte als aufnahm. Manchmal sass sie eine Stunde da und schrieb einen Satz. Dann strich sie ihn durch. Dann schrieb sie ihn nochmal, anders, und strich auch den durch. Irgendwann stand sie auf, machte sich einen zweiten Kaffee, setzte sich wieder hin und starrte auf die durchgestrichenen Sätze, als könnten sie ihr sagen, was sie eigentlich meinte.
Einmal, an einem Donnerstagabend im November, las sie einen Absatz laut vor. Über Markus und seine Tasse. Sie sprach in die Küche hinein, die Stimme etwas zu laut für den Raum, und wartete auf das Lachen, das hätte kommen müssen, wenn der Witz funktionierte. Es kam nicht. Nur der Kühlschrank brummte. Durch die Wand hörte sie den Fernseher der Nachbarin, eine Quizshow, dämpftes Klatschen. Sie klappte das Notizbuch zu und legte beide Hände darauf, als könnte es weglaufen. Dann öffnete sie es wieder und schrieb weiter.
Das Programm hatte eine Struktur, die sie im Internet gelernt hatte, von einem YouTube-Kanal namens «Comedy Crafters», betrieben von einem Mann aus Ohio, der in einem Keller sass, der ihrem nicht unähnlich war, und der zweihunderttausend Abonnenten hatte, von denen vermutlich keiner je auf einer Bühne gestanden war. Setup. Punchline. Callback. Tag. Mia hatte sich alle Begriffe aufgeschrieben und an die Küchenwand geklebt, neben den Stundenplan für die Abfallentsorgung und eine Postkarte von Sandra, ihrer besten Freundin, die seit einem Jahr in Melbourne lebte und dort «etwas mit Yoga» machte.
Die Premiere war an einem Samstag im Januar. Kellerbar Rosengarten, Eintritt fünfzehn Franken, dreissig Plätze. Dani hatte ein Plakat gemacht, von Hand, mit Filzstift, weil er fand, dass gedruckte Plakate «nach Konzern» aussahen. Das Ergebnis sah aus wie eine Vermisstenanzeige. Im Nachhinein betrachtet, war das nicht ganz falsch.
Es kamen dreiundzwanzig Personen. Vier davon kannte Mia: ihre Mutter Ruth, ihre Arbeitskollegin Petra, und ein Paar aus dem Mietshaus, das «gerne mal was Kulturelles» machte.
Ruth sass in der zweiten Reihe und trug die Bluse, die sie sonst nur an Geburtstagen und Beerdigungen trug. Sie hatte ihr Handy ausgeschaltet, was Ruth sonst nie tat, weil sie immer erreichbar sein wollte, für den Fall, dass jemand sie brauchte. Heute Abend brauchte jemand sie. Sie hatte Mia vorher umarmt, länger als nötig, und gesagt: «Ich bin so stolz auf dich.» Mia hatte gedacht: Du hast noch nichts gesehen. Warte.
Mia trat auf die Bühne. Dani hatte für die Premiere eine zweite Lampe installiert, geliehen von einem Bekannten, der Hochzeiten fotografierte. Das Ergebnis war verheerend. Der Raum war ausgeleuchtet wie ein Verhörzimmer. Mia konnte jedes Gesicht sehen, jede Regung, jedes Handy. Sie konnte sehen, dass der Mann in der dritten Reihe ein Buch mitgebracht hatte, für den Fall. Sie konnte das Etikett in Petras Jacke lesen. Und sie konnte ihre Mutter sehen, zweite Reihe, Geburtstagsbluse, Lächeln, Hände im Schoss gefaltet wie im Gottesdienst.
Das Mikrofon stand auf einem Ständer, den Dani eigens besorgt hatte. Er war zu hoch für Mia. Sie zog ihn herunter, das Metall quietschte, jemand zuckte zusammen. Dann stand sie da, im Licht, dreiundzwanzig Gesichter vor sich, und fühlte zum ersten Mal etwas, das sie an den Open Mics noch nie gespürt hatte: die Erwartung von Leuten, die fünfzehn Franken bezahlt haben.
«Guten Abend», sagte Mia. «Ich bin Mia, ich bin sechsundzwanzig, und ich arbeite bei einer Krankenkasse. Bevor Sie fragen: Ja, mir ist bewusst, dass das kein Beruf ist, den man auf einem ersten Date erwähnt. Beim letzten Mal habe ich gesagt, ich arbeite im Gesundheitswesen. Das klingt besser. Das klingt nach jemandem, der Leben rettet. Ich rette keine Leben. Ich rette Formulare vor falsch eingetragenen Taxpunkten.»
Drei, vier Leute lachten. Ihre Mutter lächelte. Das Paar aus dem Mietshaus sah aus, als erwartete es eine TED-Konferenz.
«Ich prüfe Arztrechnungen. Das heisst, ein Arzt untersucht euch, schreibt auf, was er gemacht hat, schickt es an uns, und ich schaue, ob das, was er aufgeschrieben hat, das ist, was er hätte aufschreiben dürfen. Ich bin keine Ärztin. Ich habe eine KV-Lehre. Aber ich habe den Ordner. Und wer den Ordner hat, entscheidet. So funktioniert das Gesundheitswesen. Nicht der, der euch behandelt, entscheidet, ob die Behandlung richtig war. Sondern die, die den Ordner hat. Und im Ordner steht: Position 00.0720, Konsultation, erste fünf Minuten, vierunddreissig Franken und zwanzig Rappen. Ob es euch danach besser geht, steht nicht im Ordner.»
Stille.
In der Stille hörte Mia Dinge, die sie sonst nicht hörte. Das Summen der Kühlanlage hinter der Bar. Das Kratzen eines Stuhls auf dem Steinboden. Das leise Klicken von Petras Handy, die filmte, obwohl Mia sie gebeten hatte, es nicht zu tun. Und unter all dem: das Atmen von dreiundzwanzig Menschen, die darauf warteten, dass sich ihre fünfzehn Franken lohnten.
Sie leckte sich über die Lippen. Ihr Mund war trocken. Sie hatte vergessen, ein Glas Wasser auf die Bühne zu stellen. Das stand auf der Checkliste, die sie sich am Nachmittag geschrieben hatte, zwischen «Mikrofon testen» und «Atmen nicht vergessen». Beides hatte sie auch vergessen.
«Bei uns in der Firma gibt es Failure Fridays», sagte Mia. Sie sprach jetzt schneller, weil sie die Stille füllen wollte. «Jeden Freitag um drei sitzt man im Kreis und erzählt von einem Fehler. Mein Chef Roland hat letzten Freitag erzählt, er habe bei einer Präsentation die falsche Folie gezeigt. Und dann hat sich herausgestellt, dass die falsche Folie besser war als die richtige. Alle haben geklatscht. Roland hat gestrahlt. Er hat einen Fehler erzählt, der ein Erfolg ist, und das einen Lernmoment genannt. Das ist wie Beichten gehen, aber man beichtet, dass man heimlich Geld an Obdachlose verteilt hat.»
Jemand in der fünften Reihe grinste. Mias Mutter schaute auf ihre Hände.
Mia machte weiter. Die ganzen dreissig Minuten. Sie erzählte von der Orchidee am Empfang, die seit elf Jahren tot war, aber jeden Montag gegossen wurde. Von Markus und seiner Tasse. Von der Kantine, in der über dem Dessertbuffet ein Schild hing mit «Fit in den Tag», und vom Salat, der jeden Abend noch genauso voll war wie am Morgen.
Die Beobachtungen waren gut. Mia wusste das. Die Widersprüche stimmten, die Details sassen. Sie markierte die Pausen an den Stellen, an denen der Mann aus Ohio es empfohlen hatte. Sie hob die Stimme vor der Pointe und senkte sie danach. Sie tat alles richtig.
Technisch korrekt und emotional tot.
Am Ende klatschten die Leute. Manche standen sogar auf, aber das lag daran, dass sie zur Toilette wollten.
Ruth wartete an der Bar. Sie hatte ihre Jacke schon angezogen und die Handtasche über der Schulter hängen. Sie war bereit zu gehen, aber sie ging nicht, sie wartete. Als Mia kam, umarmte sie sie und sagte: «Du warst toll.» Dann, leiser: «Soll ich dich nach Hause fahren?» Als wäre der Auftritt eine Operation gewesen, von der man sich erholen muss.
Petra sagte: «Mega mutig.»
Mega mutig. Das sagt man Kindern, die vom Dreimeterbrett springen.
Die Erklärungen
In den Tagen danach passierte etwas, das Mia überraschte. Alle hatten eine Erklärung.
Dani sagte: «Der Raum war zu hell. Licht tötet Comedy. Nächstes Mal Dimmer.»
Petra sagte: «Du warst nervös. Das sieht man beim zweiten Mal nicht mehr.»
Sandra schrieb aus Melbourne: «Babe, das erste Soloprogramm ist IMMER so. Du musst einfach weitermachen.» Dazu drei Feuer-Emojis und ein Herz.
Ruth rief an einem Sonntagmorgen an. «Ich habe nachgedacht», sagte sie. «Du musst einfach mehr an dich glauben. Du kannst das. Du konntest schon immer alles, was du wirklich wolltest.» Mia hörte das Klappern von Geschirr im Hintergrund. Ruth räumte die Spülmaschine ein, während sie sprach. Sie meinte jeden Satz. Das war das Schlimmste daran.
Seraina Keller, die einzige Comedienne in Zürich, die nur mit zwei Nebenjobs von der Bühne leben konnte schrieb auf Instagram eine Nachricht: «An alle, die gerade auf einer Bühne gestorben sind: Willkommen im Club. Das Sterben gehört dazu. Es ist der Preis für den Mut, etwas zu versuchen.» Hundertzweiundachtzig Likes. Keiner der Kommentatoren war je auf einer Bühne gestorben.
Mia las alle Erklärungen, und jede war plausibel, und keine stimmte. Es lag nicht am Licht. Nicht an den Nerven. Es lag daran, dass das Programm nicht gut genug war.
Das war ein Satz, den niemand sagte. Nicht aus Bosheit. Aus Freundlichkeit. Weil es schwer auszuhalten ist, wenn jemand, den man mag, etwas versucht hat und es nicht gekonnt hat. Nicht für die Person. Für die Zuschauer.
Im Februar ging Mia zu einem Workshop. «Comedy Writing: Von der Idee zur Pointe.» Zwei Tage, dreihundertachtzig Franken, ein Tagungsraum in einem Hotel am Stauffacher mit Flipcharts und Namensschildern. Der Workshopleiter hiess Marc, trug Sneakers zu einem Sakko und hatte zehn Jahre Bühnenerfahrung, wobei die letzten sieben davon als Workshopleiter.
Am zweiten Tag zeigte Marc eine Folie: «Jede Niederlage ist ein Datenpunkt.» Daneben ein Diagramm, das Comedy-Karrieren zeigen sollte: ein langer flacher Boden, dann ein steiler Anstieg. Er erzählte, wie er in Bern vor acht Leuten gestanden und danach im Auto geweint hatte. «Und heute stehe ich hier», sagte er und breitete die Arme aus, als wäre ein Tagungsraum am Stauffacher der Beweis, dass sich Leiden lohnt.
Mia dachte: Aber du stehst hier als Workshopleiter. Nicht als Comedian.
Sie sagte das nicht. Sie nickte wie die anderen.
Auf dem Nachhauseweg realisierte Mia: es gibt einen Markt für das Scheitern. Podcasts, in denen erfolgreiche Menschen über ihre Anfänge sprachen, immer rückwärts erzählt, vom Ergebnis zur Krise, so dass die Krise aussah wie ein notwendiger Schritt. Bücher mit Titeln wie «Failing Forward», geschrieben von Leuten, die nicht mehr scheiterten. Konferenzen, auf denen Gründer in Turnschuhen sagten: «Meine grösste Niederlage hat mich alles gelehrt», und das Publikum klatschte, weil Konferenzen die einzigen Orte sind, an denen Erwachsene für Lebensgeschichten applaudieren, die sie bei einem Abendessen peinlich fänden.
Mia prüfte weiter Leistungsabrechnungen. Aber sie schrieb keine neuen Witze. Nicht im Februar, nicht im März. Ihr Notizbuch lag auf dem Küchentisch, unter der Postkarte aus Melbourne und einer unbezahlten Rechnung der Serafe.
Der Satz
Im April rief Sandra an. Nicht per WhatsApp-Call, nicht per Sprachnachricht, sondern richtig, mit Klingeln und allem. Das tat Sandra nur, wenn etwas wichtig war oder wenn sie Wein getrunken hatte.
«Ich höre, du schreibst nicht mehr», sagte Sandra.
«Wer sagt das?»
«Deine Mutter. Die hat meine Mutter angerufen. Die hat mir geschrieben. Oberriedner Nachrichtendienst, du kennst das.»
Mia lag auf dem Sofa und schaute an die Decke. Es gab einen Wasserfleck, der aussah wie Australien, was sie noch nie bemerkt hatte, was aber passte.
«Ich schreibe nicht mehr, weil es keinen Sinn hat.»
«Weil das eine Programm nicht funktioniert hat?»
«Weil es nicht gut war, Sandra. Nicht weil das Licht falsch war. Nicht weil ich nervös war. Es war einfach nicht gut.»
Sandra schwieg. Das war ungewöhnlich.
Dann sagte sie: «Weisst du, was der Unterschied ist zwischen dem, was du gerade gesagt hast, und dem, was alle anderen dir gesagt haben? Alle anderen haben dir erklärt, warum es nicht deine Schuld war. Du sagst: Es war nicht gut genug. Das ist der einzige Satz, mit dem man etwas anfangen kann.»
Am nächsten Tag, in der Mittagspause, sass Mia in der Kantine und beobachtete Roland Brun. Er hielt gerade eine Ansprache. «Wir müssen agiler werden», sagte Roland. «Der Kunde steht im Zentrum.» «Fehler sind Lernchancen.»
Petra sass neben ihr und ass einen Salat.
«Der sagt das jedes Quartal», flüsterte Petra. «Letztes Mal hiess es: Wir müssen kundenzentrierter denken. Davor: Wir müssen innovativer werden. Gleicher Satz, neues Adjektiv.»
Mia schaute Roland Brun an. Und dann passierte etwas. Sie sah ihn nicht mehr als Chef. Sie sah ihn als Material.
Den Mann, der jeden Morgen um halb acht in sein Büro kam, die Tür schloss, zwanzig Minuten auf sein Handy schaute und dann herauskam, um Sätze zu sagen, die auf LinkedIn stehen könnten. Der freitags im Stuhlkreis sass und über einen Fehler sprach, der eigentlich ein Erfolg war. Der nie über den anderen Fehler sprach, den, der kein Moment war, sondern ein Jahrzehnt: dass er in einem Job sass, der ihn langweilte, und dass er es wusste, und dass er blieb. Nicht weil er musste. Sondern weil Bleiben einfacher ist als sich fragen, warum man bleibt.
Mia nahm eine Serviette und schrieb: «Roland hat heute gesagt, Fehler sind Lernchancen. Es war ein Fehler, das zu sagen. Aber er wird daraus nichts lernen.»
Es war der erste Satz seit drei Monaten, der sich nach etwas anfühlte.
Abends, am Küchentisch, öffnete Mia das Notizbuch. Sie blätterte an den alten Witzen vorbei, an den Setup-Punchline-Callback-Konstruktionen. Sie schlug eine leere Seite auf.
Und dann schrieb sie. Keine Witze. Geschichten. Über Roland und seine Adjektive. Über Petra, die jeden Montag «Schöns Wuchenend gha?» fragte und die Antwort nie abwartete. Über die Orchidee am Empfang. Über Ruth, die bei der Premiere in der Geburtstagsbluse in der zweiten Reihe gesessen und gelächelt hatte, den ganzen Abend, selbst als niemand lachte.
Die Geschichten hatten kein Setup und keine Punchline. Sie hatten einen Anfang und eine Mitte und hörten auf, wenn sie aufhören mussten. Manche waren lustig, ohne dass Mia hätte sagen können, warum.
Die Bühne
Im Mai rief Mia bei Dani an.
«Ich hätte gern einen Slot am Dienstag.»
«Gerne. Zehn Minuten?»
«Fünf reichen.»
Dani sagte nichts. Das hiess Ja.
Dienstagabend, Kellerbar Rosengarten. Sechzehn Leute. Ruth war nicht da, weil Mia ihr nichts gesagt hatte. Petra wusste es, aber Mia hatte sie gebeten, nicht zu filmen. «Einfach nur zuhören.»
Der Raum war dunkler als beim letzten Mal. Dani hatte den Dimmer gefunden und die zweite Lampe nicht mehr aufgestellt. Die eine Lampe warf ihren Kreis auf die Europaletten, und Mia stand darin, und der Rest des Raums lag im Halbdunkel. Sie konnte die Gesichter nur ahnen. Das war besser so.
Sie hielt das Mikrofon locker, fast nachlässig, in der rechten Hand. Die linke hing neben ihrem Körper. Sie stand still. Das war neu. Bei den vorigen Auftritten hatte sie sich bewegt, hin und her, das Gewicht wechselnd, als suchte sie auf der Bühne den Ort, an dem es weniger schlimm war. Jetzt stand sie einfach da. Die Füsse nebeneinander. Die Schultern unten.
Sie merkte es erst, als sie anfing zu sprechen. Dass die Schultern unten geblieben waren. Dass der Atem kam, ohne dass sie daran denken musste. Dass der Raum nach Kaffee roch und nicht nach Schweiss. Oder vielleicht roch er auch nach Schweiss, aber sie roch den Kaffee.
Sie erzählte von der Krankenkasse, vom Stuhlkreis, von Roland und seiner vertauschten Folie.
«Das ist wie Beichten gehen, aber man beichtet nur die guten Taten. Und der Pfarrer sagt: Super, weiter so.»
Jemand in der dritten Reihe lachte. Kurz, überrascht, ein einzelnes «Ha», das aus dem Halbdunkel kam. Dann noch jemand, weiter hinten.
«Rolands eigentlicher Fehler ist, dass er seit zehn Jahren einen Job macht, der ihn langweilt. Aber das passt nicht auf eine Moderationskarte. Auf eine Moderationskarte passt: Folie vertauscht. Learning: Flexibilität. Auf eine Moderationskarte passt nicht: Ich sitze seit zehn Jahren hier und habe vergessen, warum.»
«Das ist der Unterschied zwischen einem Fehler und einem Zustand. Einen Fehler kann man korrigieren. Einen Zustand muss man aushalten. Und weil niemand Zustände aushalten will, reden wir lieber über Fehler und nennen das dann Fehlerkultur.»
Stille. Aber eine andere Stille als beim letzten Mal. Keine wartende. Eine, die zuhörte.
Dann erzählte Mia von der Orchidee. Die Pflanze am Empfang, die seit elf Jahren tot ist und jeden Montag gegossen wird. Nicht aus Gewohnheit. Aus Angst. Weil aufhören hiesse, dass jemand den Tod bemerkt. Und bemerken hiesse, dass jemand entscheiden muss: Werfen wir sie weg? Kaufen wir eine neue? Oder lassen wir den Topf einfach stehen, leer, als Erinnerung daran, dass auch Pflanzen sterben können, wenn man sie in Büros stellt, in denen es kein Fenster gibt?
Mehrere Leute lachten. Es war ein Lachen, das Mia noch nie gehört hatte auf einer Bühne. Es kam nicht aus Höflichkeit. Es kam aus Erkennung. Das Lachen von Leuten, die ihre eigene tote Orchidee haben.
Dann erzählte sie von Ruth. Von der Geburtstagsbluse. Von dem Lächeln, das den ganzen Abend hielt, auch als niemand lachte. «Meine Mutter hat gelächelt, dreissig Minuten lang, weil sie dachte, das helfe. Es hat nicht geholfen. Aber sie hat es trotzdem getan. Weil Mütter das so machen: Sie lächeln, wenn es wehtut, und sie weinen erst im Auto.»
Jemand in der vierten Reihe machte ein Geräusch, das halb Lachen war und halb etwas anderes.
Fünf Minuten. Zwei Stellen hingen. Ein Übergang fehlte. Das Ende kam zu abrupt.
Aber es war wahr.
An der Bar kam eine Frau zu Mia. Mittleres Alter, kurze Haare, ein Gesicht, das nach Lehrerin aussah oder nach Therapeutin oder nach beidem.
«Das mit dem Stuhlkreis», sagte sie. «Das ist mir gestern passiert. Genau so. Fehlerkultur-Workshop. Und ich habe mich die ganze Zeit gefragt, warum sich das anfühlt wie eine Lüge, obwohl alles stimmt, was gesagt wird. Und dann kommst du und beschreibst es, und plötzlich weiss ich, warum.»
«Warum?», fragte Mia.
«Weil die echten Fehler nicht auf die Moderationskarte passen.»
Mia schaute sie an. Der Satz war besser als alles, was sie an dem Abend gesagt hatte.
Dani brachte zwei Gläser und stellte sie auf den Tresen.
Mia trank und schaute in den Raum, der sich langsam leerte. Die Europaletten, der durchhängende Molton, die Biergläser auf den Tischen.
Ihr Handy summte. Sandra.
«Wie wars?»
«Fünf Minuten. Sechzehn Leute. Kein Licht-Problem.»
«Also gut?»
Mia überlegte. Dann tippte sie: «Ich glaube, ich habe verstanden, was Comedy ist. Es ist nicht die Pointe. Es ist die tote Orchidee.»
Sandra schrieb: «???»
«Ich erklärs dir nächste Woche.»
Drei Feuer-Emojis.
Mai. Draussen war es noch hell. Mia ging die Langstrasse hinunter Richtung Wiedikon. An der Ecke beim Helvetiaplatz war ein Blumenladen, der um diese Zeit schon geschlossen hatte. Im Schaufenster standen Orchideen, weiss und reglos unter dem Neonlicht, und Mia blieb einen Moment stehen und schaute sie an, wie man alte Bekannte anschaut, die einen nicht erkennen.
Dann ging sie weiter.
Christian Ziegler. Erstmal Kaffee.