Gut genug
Randbemerkungen
Die Frage
Jemand sagt: «Das ist der richtige Weg.» Alle nicken. Niemand fragt: Woher wissen wir das?
Die Frage ist selten. Sie unterbricht den Fluss. Sie verlangsamt. Sie erzeugt etwas, das in Sitzungszimmern gefürchtet wird wie wenig anderes: Stille.
Dabei wäre sie der Anfang von allem.
Es gibt zwei Arten des Denkens: ein schnelles und ein langsames.1 Das chnelle erkennt Muster, reagiert, urteilt. Das langsame prüft und rechnet nach. Es ist anstrengend. Organisationen belohnen das schnelle. Wer zögert, wirkt unsicher. Wer nachfragt, bremst.
Es gibt Probleme, die eine einfache Lösung haben: Der Wasserhahn tropft. Es gibt Probleme, die Expertise erfordern: Ein Statiker berechnet, ob die Brücke hält. Und es gibt Probleme, bei denen sich Ursache und Wirkung erst im Rückblick verstehen lassen.2
Die meisten Probleme, über die wir verhandeln, gehören zur dritten Kategorie. Wir behandeln sie, als gehörten sie zur zweiten. Die Frage, warum wir das tun, führt tiefer, als man zunächst denkt.
Die Annahme
Ein erster Grund liegt in den Strukturen selbst. Praktiken verbreiten sich nicht, weil sie funktionieren. Sie verbreiten sich, weil andere sie übernommen haben.3 Man führt Methoden ein, weil die Branche es tut. Man evaluiert, weil es erwartet wird.
Irgendwann löst sich die formale Struktur von der tatsächlichen Praxis ab.4 Die offizielle Version sagt: Wir haben geprüft. Die Praxis sagt: Wir haben ein Dokument erstellt.
Berichte, die niemand liest. Daten, die niemand deutet. Dashboards, die in Farben leuchten, die niemand hinterfragt.
Ob die Idee funktioniert, hat niemand nachgeschaut. Aber woran liegt das? Die Strukturen allein erklären es nicht. Jemand müsste ja nur fragen.
Das Schweigen
Dass niemand fragt, hat tiefere Gründe, als man meinen möchte. Kohäsive Gruppen entwickeln ein gemeinsames Bild der Wirklichkeit.5 Bestätigende Informationen verstärken es. Widersprechende bedrohen es. Wer zweifelt, riskiert etwas. Nicht formell, nicht laut. Aber spürbar.
Wissen ist nie neutral. Es ist mit Macht verschränkt.6 Wer definiert, was als gesichert gilt, hat Einfluss. Wer nachschaut und feststellt, dass etwas nicht stimmt, bedroht nicht nur eine Annahme. Er bedroht eine Ordnung.
Manche Stimmen bekommen systematisch weniger Glaubwürdigkeit zugesprochen als andere.7 Nicht wegen der Qualität ihrer Argumente. Wegen ihrer Position. Eine erfahrene Stimme sagt: «Mein Gefühl sagt mir, das ist richtig.» Der Raum nickt. Eine jüngere Stimme sagt: «Die Zahlen zeigen etwas anderes.» Der Raum zögert.
So wird die Frage nicht nur unbequem. Sie wird riskant. Und was geschieht, wenn sie doch einmal gestellt wird?
Die Richtungen
Meistens geschieht etwas Eigenartiges. Ein Team erhält Daten, die zeigen, dass der eingeschlagene Weg nicht funktioniert. Die Methodik wird angezweifelt. Der Zeitrahmen als zu kurz bezeichnet. Zusätzliche Daten werden gefordert. Die Entscheidung wird vertagt.8
Jede einzelne Reaktion ist plausibel. Zusammen bilden sie ein Muster.
Es gäbe eine Alternative: die Überzeugung, dass man Fehler eingestehen kann, ohne dafür bestraft zu werden.9
Ohne sie schweigen die Leute, die etwas wissen. Nicht aus Feigheit. Wer spricht und dafür Konsequenzen trägt, hat nichts gewonnen. Wer schweigt, verliert weniger.
Wenn aber selbst das Aussprechen schwierig ist, dann liegt die Hoffnung vielleicht anderswo. Vielleicht in der Messung, in der Zahl, in etwas Objektivem, das für sich spricht.
Die Prüfung
Die Verheissung klingt überzeugend: Wenn das subjektive Urteil trügt, messen wir. Wenn Machtstrukturen verzerren, lassen wir Zahlen sprechen.
Kennzahlen starten als Stellvertreter für das, was zählt. Zufriedenheit wird zur Zahl. Qualität zum Score.10 Mit der Zeit vergisst man, dass die Zahl ein Stellvertreter ist. Man optimiert die Zahl.
Messen ist nicht Prüfen. Und wenn auch die Zahlen nicht halten, was sie versprechen, bleibt noch etwas, das vielleicht am schwersten wiegt.
Die Liebe
Wer eine Entscheidung getroffen hat, neigt dazu, an ihr festzuhalten.11 Je mehr investiert wurde, desto schwieriger der Ausstieg. Abzubrechen heisst: eingestehen, dass alles Bisherige in die falsche Richtung ging.
Dazu kommt etwas, das fast rührend ist: Wir überschätzen den Wert dessen, was wir selbst erschaffen haben.12 Ein Konzept, das man selbst entwickelt hat, ist subjektiv überzeugender als ein identisches, das jemand anderes vorschlägt. Nicht weil es besser wäre. Sondern weil es unseres ist.
Ein Vorhaben, in das Zeit, Geld und Identität geflossen sind, wird irgendwann nicht mehr als Versuch behandelt. Es wird zum Versprechen.
Die Frage, die ganz am Anfang stand, hat es also mit mächtigen Gegnern zu tun: mit Strukturen, Gruppendruck, Machtverhältnissen, Schutzreflexen, falschen Metriken und der Liebe zu dem, was man selbst geschaffen hat. Wie soll unter diesen Bedingungen überhaupt eine Entscheidung fallen?
Die Entscheidung
Organigramme suggerieren Ordnung, Protokolle Systematik, Strategiepapiere Weitsicht.
Was tatsächlich geschieht, gleicht eher einem Strom, in dem Probleme, Lösungen und Entscheidungsträger unabhängig voneinander treiben.13 Eine Lösung trifft auf ein Problem, nicht weil sie dafür entwickelt wurde, sondern weil sie gerade verfügbar ist. Eine Entscheidung fällt, nicht weil der Moment optimal ist, sondern weil eine Sitzung ansteht.
Menschen entscheiden nicht optimal. Sie entscheiden gut genug.14 Sie suchen nicht die beste Lösung, sondern die erste, die ihre Mindestanforderungen erfüllt. Nicht aus Faulheit. Die Welt ist zu komplex, die Informationen zu unvollständig, die Zeit zu knapp.
«Gut genug» kann zweierlei bedeuten. Es kann heissen: Wir haben aufgehört zu schauen. Oder: Wir haben geschaut, und das ist das Beste, was möglich war.
Nachher
Neue Praktiken verbreiten sich nicht gleichmässig.15 Menschen übernehmen sie nicht, weil die Daten überzeugend sind. Sie übernehmen sie, weil jemand, dem sie vertrauen, sie bereits anwendet.
Es gibt eine Tendenz, Strukturen zu schaffen, deren Hauptfunktion es ist, sich selbst zu legitimieren.16 Berichte, die geschrieben werden, damit es einen Bericht gibt. Sitzungen, die stattfinden, damit es ein Protokoll gibt.
Früh nachschauen ist billiger als spät scheitern.
Der Unterschied zwischen «Wir glauben, die Idee funktioniert» und «Wir haben geschaut: die Idee funktioniert» ist kein akademischer. Er entscheidet darüber, ob Ressourcen, Zeit und Vertrauen in etwas fliessen, das trägt. Oder in etwas, das irgendwann bricht.
«Wir haben geschaut: die Idee funktioniert nicht» ist auch ein Ergebnis.
Es gibt ein Werkzeug dafür. In der Forschung heisst es evidenzbasiertes Arbeiten. Der Begriff klingt technisch. Der Kern ist es nicht: Nachschauen, ob etwas funktioniert, bevor man darauf baut.
Komplexität ist kein Grund, damit aufzuhören. Sie ist ein Grund, damit anzufangen.
Die Frage vom Anfang, «Woher wissen wir das?», hat auf ihrem Weg durch diese Seiten einiges erlebt. Sie wurde ignoriert, gefürchtet, abgewehrt, vermessen und überlebt.
Gut genug ist schwieriger, als es klingt.
Gut genug ist kein Ziel.
Es ist das Ergebnis von Sorgfalt.
Christian Ziegler. Nachgesehen.
Spuren
Kein Literaturverzeichnis. Sondern Hinweise für alle, die weiterlesen wollen. Zu jedem Gedanken das eine Buch, das ihn am schärfsten formuliert hat, und ein paar Sätze darüber, warum es sich lohnt.
Daniel Kahneman: Thinking, Fast and Slow (2011).
Das Buch, das erklärt, warum wir so sicher sind, recht zu haben, und warum diese Sicherheit ein Problem ist. Kahneman schreibt nicht als Theoretiker, sondern als jemand, der sich selbst beim Irren zuschaut. Das Kapitel über die Illusion der Gültigkeit ist allein den Kauf wert: Die Erfahrung, etwas zu «wissen», hat erstaunlich wenig damit zu tun, ob es stimmt.
Dave Snowden und Mary Boone: A Leader's Framework for Decision Making (2007).
Ein Aufsatz, keine zehn Seiten, in der Harvard Business Review. Snowden unterscheidet vier Arten von Problemen und zeigt, warum die meisten Organisationen so tun, als gäbe es nur zwei. Wer ihn gelesen hat, hört Sitzungsdiskussionen mit anderen Ohren.
Herbert Simon: Administrative Behavior (1947).
Simon hat den Begriff «Satisficing» geprägt und damit etwas ausgesprochen, das alle wissen und niemand zugibt: Wir entscheiden nicht optimal. Wir entscheiden gut genug. Nicht aus Faulheit. Aus Notwendigkeit. Ein Buch, das vor über siebzig Jahren geschrieben wurde und das heute aktueller ist als die meisten Managementratgeber.
Irving Janis: Victims of Groupthink (1972).
Janis hat die Schweinebucht-Invasion, Pearl Harbor und andere Katastrophen untersucht und eine erschreckend einfache Erklärung gefunden: Kluge Menschen in kohäsiven Gruppen treffen dumme Entscheidungen, weil niemand widerspricht. Wer das Buch liest, erkennt das Muster in der nächsten Teamsitzung. Das ist gleichzeitig sein Wert und sein Problem.
Amy Edmondson: The Fearless Organization (2018).
Die Gegenthese zu Janis. Edmondson zeigt, was passiert, wenn Menschen sich trauen, Fehler einzugestehen und unbequeme Fragen zu stellen. Psychologische Sicherheit klingt weich. Die Daten dahinter sind es nicht. Besonders eindrücklich: die Fallstudie zu Krankenhäusern, in denen die Teams mit den meisten gemeldeten Fehlern die sichersten waren.
Michel Foucault: Power/Knowledge (1980).
Keine leichte Lektüre. Aber wer durchhält, sieht Organisationen danach anders. Foucault zeigt, dass Wissen und Macht nicht getrennt existieren. Wer definiert, was als gesichert gilt, hat Einfluss. Wer neues Wissen einbringt, verschiebt Machtverhältnisse. Das erklärt, warum Daten in Sitzungen manchmal weniger willkommen sind als Meinungen.
Miranda Fricker: Epistemic Injustice (2007).
Ein Buch über eine Form der Ungerechtigkeit, die fast nie benannt wird: Manche Stimmen bekommen systematisch weniger Glaubwürdigkeit zugesprochen als andere. Nicht wegen ihrer Argumente. Wegen ihrer Position. Fricker hat dem Phänomen einen Namen gegeben. Wer den Namen kennt, sieht es überall.
Chris Argyris: Teaching Smart People How to Learn (1991).
Ein Aufsatz, der erklärt, warum ausgerechnet die Klügsten am schlechtesten lernen. Argyris zeigt, wie Organisationen und Individuen sich gegen Erkenntnis schützen, systematisch, unbewusst, effizient. Kurz und präzise. Nach der Lektüre erkennt man die eigenen Schutzreflexe. Das ist unangenehm. Und genau deshalb nützlich.
Jerry Muller: The Tyranny of Metrics (2018).
Für alle, die in Organisationen arbeiten, die Dashboards lieben. Muller zeigt, was geschieht, wenn Kennzahlen vom Werkzeug zum Ziel werden. Nicht mit Theorie, sondern mit Beispielen: Polizeiarbeit, Gesundheitswesen, Bildung. Ein kurzes Buch, das länger nachhallt, als man erwartet.
Barry Staw: Knee-Deep in the Big Muddy (1976).
Der Aufsatz, der erklärt, warum Menschen in gescheiterte Projekte weiter investieren, obwohl sie wissen, dass es nicht funktioniert. Staw hat das Experiment in den Siebzigerjahren durchgeführt. Die Ergebnisse gelten unverändert. Jeder, der je ein Projekt hätte stoppen sollen und es nicht tat, wird sich wiedererkennen.
Paul DiMaggio und Walter Powell: The Iron Cage Revisited (1983).
Warum sehen alle Organisationen irgendwann gleich aus? DiMaggio und Powell zeigen, dass es nicht Effizienz ist, die Strukturen formt, sondern Nachahmung. Man übernimmt, was andere tun, weil es legitim erscheint. Ein Aufsatz, der verändert, wie man Berater, Benchmarks und Best Practices betrachtet.
Michael Norton, Daniel Mochon und Dan Ariely: The IKEA Effect (2012).
Eine Studie, die zeigt, dass wir überschätzen, was wir selbst gebaut haben. Das klingt harmlos. Für Organisationen ist es das nicht. Wer sein eigenes Konzept bewertet, bewertet sich selbst. Der Aufsatz ist kurz und einfach zu lesen. Die Konsequenz ist es weniger.
Cohen, March und Olsen: A Garbage Can Model of Organizational Choice (1972).
Das ehrlichste Modell organisationaler Entscheidungsfindung, das je geschrieben wurde. Probleme, Lösungen und Entscheider treiben unabhängig durch die Zeit und treffen zufällig aufeinander. Wer nach der Lektüre noch glaubt, Organisationen entschieden rational, hat den Text nicht verstanden. Wer ihn verstanden hat, ist befreit.
Everett Rogers: Diffusion of Innovations (1962).
Das Standardwerk darüber, wie sich Neues verbreitet. Rogers zeigt, dass nicht die Qualität einer Idee entscheidet, ob sie übernommen wird, sondern Vertrauen. Menschen folgen nicht Daten. Sie folgen Menschen. Nach über sechzig Jahren immer noch die klarste Beschreibung dessen, warum gute Ideen scheitern und schlechte sich durchsetzen.
David Graeber: The Utopia of Rules (2015).
Graeber schreibt über Bürokratie nicht als Verwaltungsproblem, sondern als kulturelles Phänomen. Warum produzieren Organisationen Strukturen, deren Hauptfunktion es ist, sich selbst zu legitimieren? Ein Buch, das wütend macht und gleichzeitig tröstet, weil es zeigt, dass man nicht der Einzige ist, der es bemerkt hat.
Hier treffen Perspektiven aus verschiedenen Jahrzehnten aufeinander, die nicht immer einer Meinung sind. Dieses Nebeneinander ist ganz bewusst gewählt. Es ist die Aufforderung, sich aus der Vielfalt der Positionen ein eigenes Bild zu machen.