Zur Kenntnisnahme

Protokoll einer Beobachtung

Zürich. In einem mittelgrossen Schweizer Unternehmen, gross genug für ein Innovation Board, klein genug, dass man sich im Flur grüsst, sitzt jemand in der Marktentwicklung und bemerkt etwas.

Du kennst diese Person nicht. Aber du kennst jemanden wie sie.

Diese Geschichte ist erfunden. Das Unternehmen, die Person, die Dokumente. Dass dir trotzdem etwas bekannt vorkommt, ist kein Zufall.

Ihre offizielle Aufgabe ist die Betreuung bestehender Kunden in Südostasien. Was sie tatsächlich tut, geht darüber hinaus: Sie hört zu. Sie bemerkt Verschiebungen. Sie stellt Fragen, auf die es noch keine Antworten gibt.

Im Januar bemerkt sie etwas.

Drei ihrer grössten Kunden haben innerhalb von sechs Monaten ihre Beschaffungslogik umgestellt. Nicht schrittweise. Grundlegend: weg von langfristigen Rahmenverträgen, hin zu modularen, plattformbasierten Modellen. Sie telefoniert mit zwei der Einkaufsleiter. Beide sagen fast dasselbe: Die alten Strukturen passen nicht mehr zu unserer Geschwindigkeit.

Sie legt auf und starrt eine Weile auf den Bildschirm. Das Muster ist deutlich. Es betrifft ihr Unternehmen direkt. Noch nicht heute.

Aber in achtzehn Monaten wird das ein Problem sein, für das man jetzt eine Lösung entwickeln könnte.

Sie öffnet ein leeres Dokument und beginnt zu schreiben.

Die interne Notiz

Datum: 7. Januar

Von: A. Hertig, Marktentwicklung

An: T. Brunner, Leitung Strategie

Betreff: Beobachtung Marktumfeld Südostasien

Lieber Thomas

Mir ist in den letzten Monaten etwas aufgefallen, das ich gerne mit dir teilen möchte. Drei unserer grössten Kunden in der Region haben innerhalb von sechs Monaten ihre Beschaffungslogik umgestellt. Nicht inkrementell, sondern grundlegend: weg von langfristigen Rahmenverträgen, hin zu modularen, plattformbasierten Modellen. Ich habe mit zwei der Einkaufsleiter gesprochen. Beide sagen dasselbe: Die alten Strukturen passen nicht mehr zu ihrer Geschwindigkeit.

Das betrifft uns direkt. Unser Angebotsmodell basiert auf genau den Rahmenverträgen, die dort gerade aufgelöst werden. Noch sind wir nicht betroffen. Aber wenn sich das Muster ausbreitet, haben wir in achtzehn Monaten ein Problem, für das wir heute eine Lösung entwickeln könnten.

Ich habe eine Idee, wie wir das angehen könnten. Darf ich sie dir nächste Woche in zwanzig Minuten vorstellen?

Beste Grüsse

Den Ton dieser Notiz ist bekannt. Höflich, präzise, leicht zögernd. Die Höflichkeit von jemandem, der weiss, dass sie eine Tür aufstösst, die vielleicht lieber geschlossen bleiben soll.

James C. Scott hat einen Begriff für das, was sie hat: Metis.1 Das praktische, lokale Wissen derer, die nah genug dran sind, um ein Muster zu sehen, bevor es in einer Studie auftaucht. Organisationen brauchen dieses Wissen. Und können es gleichzeitig nicht verarbeiten. Es passt in kein Formular. Also passiert etwas anderes damit.

Thomas Brunner liest die Notiz am selben Abend. Er ist seit zwölf Jahren im Unternehmen, davon acht in Strategiefunktionen. Er erkennt eine gute Beobachtung, wenn er eine sieht. Am nächsten Morgen ruft er sie an.

«Ich hab deine Notiz gelesen. Spannend.»

«Und?»

«Lass uns das anschauen. Nächste Woche?»

«Gerne.»

«Obwohl, nächste Woche ist Budget-Review. Geht der 28.?»

«Klar.»

Ein kurzes, freundliches Gespräch. Thomas meint es gut. Was sie nicht weiss: Noch bevor sie den Hörer auflegt, hat Thomas eine Mail an Martin Köhler weitergeleitet, Leitung Innovation. Nicht aus Berechnung. Aus Gewissenhaftigkeit. Und vielleicht aus dem Reflex, Verantwortung zu verteilen, ohne es so zu nennen.

Der E-Mail-Verlauf

Von: T. Brunner — An: A. Hertig — 9. Januar

Danke für die Notiz. Spannend. Lass uns das anschauen, aber nicht nächste Woche (Budget-Review). Wie wäre es am 28.?

Von: T. Brunner — An: M. Köhler, Leitung Innovation — 9. Januar

Martin, A. Hertig aus Marktentwicklung hat eine interessante Beobachtung zu Südostasien. Könnte strategisch relevant sein. Magst du dir das mal anschauen?

Von: M. Köhler — An: T. Brunner — 12. Januar

Danke. Klingt interessant. Ich würde das gerne im nächsten Innovation Board besprechen, damit wir es sauber einordnen können. Termin ist am 15. Februar. Kannst du Hertig bitten, eine Seite dazu aufzusetzen?

Von: M. Köhler — An: S. Weber, Assistenz Innovation Board — 12. Januar

Sandra, bitte für das nächste Board unter «Verschiedenes» einen neuen Punkt aufnehmen: «Beobachtung Marktentwicklung Südostasien (Hertig/Marktentwicklung)». Zeitbedarf: 10 Minuten.

Fünf Tage, vier E-Mails. Niemand hat Nein gesagt. Und doch hat sich etwas verschoben, das schwer zu benennen ist. Mit jeder Weiterleitung hat sich die Idee ein Stück weiter von der Person entfernt, die sie hatte. Aus einer Beobachtung wurde ein Tagesordnungspunkt. Aus zwanzig Minuten persönlichem Gespräch wurden zehn Minuten unter «Verschiedenes».

Herbert Simon hat gezeigt, dass Menschen in Organisationen nicht die beste Lösung suchen.2 Sie suchen die erste akzeptable. Er nannte das Satisficing. Kein Vorwurf. Eine Feststellung über die Grenzen menschlicher Kapazität in komplexen Systemen. Und die erste akzeptable Lösung für eine unbequeme Beobachtung ist fast immer: weiterleiten.

Mitte Januar bekommt sie eine Mail von Köhlers Assistentin. Ob sie für das Innovation Board eine Seite aufsetzen könne. Standardformular, Erstbewertung.

Sie kennt das Formular. Sie hat es dreimal ausgefüllt, zweimal für andere. Jedes Mal dasselbe Gefühl: als würde man einen lebendigen Fisch in eine Schachtel legen und beschriften.

Strategische Übereinstimmung. Sie zögert. Ihre Beobachtung passt nicht zur aktuellen Strategie. Sie passt zur nächsten. Aber für die nächste Strategie gibt es kein Feld. Sie kreuzt «mittel» an.

Mittel reicht nie für Priorität. Aber hoch wäre gelogen.

Mary Douglas hat gezeigt, dass Institutionen nicht nur bestimmen, was wir tun, sondern was wir denken können.3 Das Formular ist nicht neutral. Es definiert, welche Fragen gestellt werden dürfen. Und welche gar nicht erst entstehen.

Das Bewertungsformular

Innovation Board, Erstbewertung neuer Vorhaben

Projekt-Nr.: IB-2025-037

Eingereicht von: A. Hertig, Marktentwicklung

Strategische Übereinstimmung: mittel

Marktpotenzial: hoch

Ressourcenbedarf Phase 1: CHF 50'000 bis 150'000

Risikobewertung: mittel

Zeithorizont bis Marktvalidierung: 3 bis 6 Monate

Abhängigkeiten: IT-Infrastruktur, Partnermanagement, Legal

Empfehlung: Grundsätzlich positiv. Detailanalyse empfohlen vor Ressourcenfreigabe.

Jerry Muller hat ein verwandtes Muster in der Medizin beschrieben:4 Seit Kliniken nach Komplikationsraten bewertet werden, operieren Chirurgen weniger riskante Patienten. Die Kennzahl sinkt. Die Qualität sinkt mit ihr. Was gemessen wird, wird gesteuert. Was gesteuert wird, wird verzerrt. Das Bewertungsformular funktioniert nach derselben Logik. Es übersetzt eine lebendige Beobachtung in ein Raster. Was nicht ins Raster passt, verschwindet. Nicht weil es abgelehnt wird. Sondern weil es kein Feld dafür gibt.

Am 15. Februar, um vierzehn Uhr, betritt sie den Sitzungsraum im fünften Stock. Fünf Personen sitzen bereits am ovalen Tisch. Kaffeetassen, aufgeklappte Laptops, ein Beamer, der das Pipeline-Dashboard zeigt. Martin Köhler leitet die Sitzung. Ihr Punkt steht unter Traktandum 7, nach sechs Statusberichten zu laufenden Vorhaben.

Um 15:40 ist sie dran.

Sie hat zehn Minuten. Sie braucht vier, um die Beobachtung zu erklären. Die Folien hat sie auf zwei reduziert. Dann kommen die Fragen.

Peter Lang, Controlling: «Gibt es vergleichbare Initiativen in anderen Regionen?»

«Nein», sagt sie. «Aber ähnliche Signale aus Indien.»

Reto Fischer, IT: «Unsere Infrastruktur unterstützt modulare Modelle nur eingeschränkt.»

Andreas Huber, Finance: «Was wäre die Total Cost of Ownership?»

Thomas sagt: «Ich halte den Vorschlag für sinnvoll.» Es ist das Einzige, was in Richtung Unterstützung klingt. Aber es klingt beiläufig, wie ein Hinweis, der im Protokoll nicht auftauchen wird.

Sie verlässt den Raum um 15:54. Vierzehn Minuten. Das ist weniger, als die meisten Menschen für die Wahl eines Restaurants aufwenden.

Im Flur bleibt sie stehen.

Niemand hat gefragt, was es bedeutet, wenn ich recht habe und wir nichts tun.

Was stattdessen passiert ist, liest sich so:

Das Sitzungsprotokoll

Innovation Board, Sitzung 2025-Q1/2

15. Februar, 14:00

Anwesend: M. Köhler (Vorsitz), P. Lang, R. Fischer, A. Huber, T. Brunner

Protokoll: S. Weber

Traktanden 1 bis 6: Statusberichte laufende Vorhaben

Traktandum 7: Modulares Angebotsmodell Südostasien (IB-2025-037)

Frau Hertig stellt die Beobachtung und den Vorschlag vor. Herr Lang fragt nach vergleichbaren Initiativen in anderen Regionen. Frau Hertig verneint, weist aber auf ähnliche Signale aus Indien hin. Herr Fischer merkt an, dass die aktuelle IT-Infrastruktur modulare Modelle nur eingeschränkt unterstützt. Herr Huber bittet um eine Abschätzung der Total Cost of Ownership. Herr Brunner unterstützt den Vorschlag grundsätzlich.

Beschluss: Das Board anerkennt das strategische Potenzial des Vorhabens. Vor einer Ressourcenfreigabe wird Frau Hertig gebeten, (a) eine detaillierte Kostenanalyse zu erstellen, (b) eine Abstimmung mit der IT-Abteilung vorzunehmen und (c) eine Risikoeinschätzung durch Legal einzuholen. Wiedervorlage: nächste Sitzung (April).

Zeitaufwand Traktandum 7: 14 Minuten.

Am Tisch sassen fünf Personen. Jede hat die richtige Frage gestellt.

Drei Auflagen: Kostenanalyse, IT-Abstimmung, Legal. Jede einzelne vernünftig. Jede einzelne das, was man tun würde, wenn man seine Arbeit ernst nimmt.

David Graeber hat geschrieben, dass Bürokratie die Vorstellungskraft zermalmt.5 Das klingt dramatisch. Es geschieht aber nicht dramatisch. Es geschieht in Sitzungsprotokollen wie diesem. Höflich. Strukturiert. Getragen von Menschen, die ihre Arbeit gut machen.

Es gibt einen Namen für dieses Muster: Exploration mit den Werkzeugen der Exploitation.6 Das System prüft das Neue mit den Masstäben des Alten. Es verlangt Gewissheit, wo noch keine sein kann. Und nennt es Sorgfalt.

Anfang März stellt sie den Antrag auf eine Testumgebung. Separater Server, zwei externe Partner, anonymisierte Daten. Nichts Dramatisches. Ein erster kleiner Schritt.

Drei Wochen später die Antwort: Richtlinie IT-Gov 4.2.3. Genehmigungspflichtig durch den CISO. Bitte Formular SEC-17b einreichen. Zustimmung der Bereichsleitung beifügen.

Der Antrag

An: IT Governance Board

Von: A. Hertig, Marktentwicklung

3. März

Betreff: Einrichtung Testumgebung für IB-2025-037

Im Rahmen des oben genannten Vorhabens beantrage ich die Einrichtung einer separaten Testumgebung, um mit zwei externen Partnern in Südostasien einen Prototyp zu erproben. Die Testumgebung soll von der Unternehmens-IT getrennt sein. Der Datenaustausch umfasst ausschliesslich anonymisierte Testdaten.

Antwort IT Governance Board, 21. März

Ihr Antrag wurde geprüft. Die Einrichtung einer separaten Testumgebung mit externem API-Zugang ist nach Richtlinie IT-Gov 4.2.3 genehmigungspflichtig durch den CISO. Bitte reichen Sie den Antrag im Format SEC-17b ein und fügen Sie die Zustimmung Ihrer Bereichsleitung bei.

Die Richtlinie gibt es seit zwei Jahren. Eingeführt nach einem Datenleck in einer anderen Abteilung. Sie ist sinnvoll. Das Formular ist sinnvoll. Die Genehmigung durch den CISO ist sinnvoll. Man kann das alles unterschreiben. Man unterschreibt es auch.

Diane Vaughan hat das am Beispiel der NASA untersucht:7 Alle Protokolle eingehalten. Alle Gremien informiert. Alle Berichte geschrieben. Das Shuttle explodierte trotzdem. Nicht wegen Regelverletzung. Wegen perfekter Regelbefolgung in einem System, das die falschen Regeln hatte. Vaughan nannte es «normalized deviance»: der Prozess, durch den Abweichungen zur Norm werden, weil sie wiederholt ohne Katastrophe bleiben.

Es gibt einen Moment, den kennt jeder, der lange genug mit Organisationen arbeitet. Den Moment, in dem die akkumulierte Vernünftigkeit eines Systems seine eigene Grenze überschreitet. Jede einzelne Regel berechtigt. Die Summe aller Regeln verhindert, wofür sie geschaffen wurden.

Sie sitzt abends am Küchentisch und starrt das SEC-17b-Formular an. Ihr Mann fragt, ob alles in Ordnung sei. «Ja», sagt sie. «Alles läuft.» Es ist nicht gelogen. Es läuft. Nur halt nirgendwohin.

Man merkt es an der Müdigkeit. Nicht die Müdigkeit nach einem langen Tag. Sondern die andere. Die, die sich einstellt, obwohl nichts Schweres passiert ist. An der leisen Frage, die man niemandem stellt: Warum kämpfe ich für etwas, das die Organisation sagt, dass sie es will?

September. Sie öffnet den Quartalsbericht. Seite 14, Innovation Pipeline. Ihr Projekt ist eine Zeile.

Der Quartalsbericht

Innovation Pipeline Report Q3/2025 (Auszug)

IB-2025-037 | Modulares Angebotsmodell SEA

Status: In Prüfung | Phase: Pre-Validation | Budget: ausstehend | Team: n.z. | Ampel: gelb

Eine Zeile. Neun Monate nach der Notiz vom Januar.

In der Sprache des Berichts klingt «In Prüfung» nach Fortschritt. In Wirklichkeit: kein Test, kein Budget, kein Team. Aber die Ampel ist gelb, nicht rot. Das Vorhaben ist «im Prozess». Der Bericht ist fristgerecht eingereicht, korrekt formatiert. Es gibt eine Formulierung, die in solchen Berichten nie auftaucht: «Es ist nichts passiert.»

Es gibt eine Schwelle, schrieb Ivan Illich, ab der Institutionen kontraproduktiv werden.8 Nicht, weil sie schlecht geführt sind. Sondern weil ihre eigene Logik irgendwann das verhindert, wofür sie geschaffen wurden. Die Governance, die schützen soll, erstickt. Die Kontrolle, die Qualität sichern soll, verhindert. Das Formular, das Transparenz herstellen soll, macht unsichtbar.

In Südostasien haben inzwischen zwei weitere Grosskunden ihr Beschaffungsmodell umgestellt. Das steht in keinem Dashboard.

An einem Freitag im Oktober räumt sie ihren Schreibtisch. Nicht viel: ein paar Bücher, eine Tasse, ein Notizblock mit Eselsohren. Eine Kollegin bleibt stehen.

«Wirklich?»

«Wirklich.»

«Wegen dem Projekt?»

Sie überlegt. «Nicht nur. Aber auch.»

Sie schreibt eine letzte Mail. Nicht an die Organisation. An die Menschen.

Die Abschiedsnachricht

Von: A. Hertig

An: Team Marktentwicklung

Cc: T. Brunner, M. Köhler

2. Oktober

Betreff: Auf Wiedersehen und Danke

Liebe alle

Wie einige von euch bereits wissen, werde ich das Unternehmen Ende Oktober verlassen. Ich habe eine Aufgabe gefunden, die mich reizt, und nach langem Nachdenken fällt die Entscheidung leichter, als ich dachte. Das hat nichts mit euch zu tun. Im Gegenteil: die letzten Jahre waren lehrreich, oft herausfordernd, manchmal lustig. Ich werde das Mittagessen vermissen. Und die Gespräche danach, auf dem Rückweg, wenn die eigentlichen Ideen kamen.

Danke für alles, was ich lernen durfte. Danke an Thomas, der mir von Anfang an den Raum gegeben hat, auch unbequeme Dinge anzusprechen.

Alles Gute.

Anna

PS: Die drei Berichte von McKinsey, BCG und Roland Berger zum Plattformshift in Südostasien, die im September erschienen sind, bestätigen die Entwicklung, die ich im Januar beschrieben habe. Ich habe sie in den Projektordner von IB-2025-037 gelegt. Falls jemand reinschauen möchte.

Anna. So heisst sie erst, als sie geht.

Niemand hat Anna geschadet. Alle waren freundlich. Alle waren professionell. Alle haben die Regeln befolgt.

Das System hat funktioniert. Es hat genau das getan, wofür es gebaut wurde: Risiken minimieren, Ressourcen schützen, Prozesse einhalten. Es hat nur eines nicht getan: zuhören.

Es bleibt eine Frage. Sie kommt in keinem der sieben Dokumente vor:

Was wäre, wenn das System nicht nur prüfen könnte, ob eine Idee zu ihm passt, sondern auch, ob es selbst noch zur Welt passt?

Das wäre der Antrag, den noch niemand gestellt hat.

Nicht Optimismus. Nicht Resignation.

Nur die Frage.

Offen.

Wie ein Formular, das noch niemand ausgefüllt hat.

Christian Ziegler. Festgehalten.

Spuren

Acht Stimmen, die in dieser Geschichte mitsprechen. Keine hat über Anna Hertig geschrieben. Alle haben beschrieben, warum es immer eine wie sie gibt.

James C. Scott: Seeing Like a State (1998).
Das Buch darüber, was passiert, wenn Institutionen die Welt vereinfachen, um sie steuerbar zu machen. Scott nennt das Legibilität: die Kunst, aus einem dichten Wald eine übersichtliche Plantage zu machen. Was dabei verloren geht, ist genau das, was den Wald am Leben hält. Scotts Gegenbegriff ist Metis: das praktische Wissen derer, die im Wald leben. In Organisationen heisst das: das Wissen derer, die nah genug am Markt sind, um etwas zu sehen, bevor es einen Namen hat.

Herbert Simon: Administrative Behavior (1947).
Simon hat gezeigt, dass Menschen in Organisationen nicht optimieren. Sie wählen die erste akzeptable Lösung. Er nannte das Satisficing. Kein Vorwurf. Eine Feststellung über die Grenzen menschlicher Kapazität in komplexen Systemen. Wer verstehen will, warum Gremien sich für das Sichere entscheiden, beginnt hier.

Jerry Muller: The Tyranny of Metrics (2018).
Was gemessen wird, wird gesteuert. Was gesteuert wird, wird verzerrt. Muller zeigt an Beispielen aus Medizin, Bildung und Wirtschaft, wie die Fixierung auf Kennzahlen genau das zerstört, was sie messen soll. Ein Buch für jeden, der schon einmal ein Dashboard gesehen hat, auf dem alles grün war, während das Projekt starb.

Mary Douglas: How Institutions Think (1986).
Douglas zeigt, dass Institutionen nicht nur bestimmen, was wir tun, sondern was wir denken können. Das Formular ist nicht neutral. Es definiert, welche Fragen gestellt werden dürfen. Ein kurzes, dichtes Buch, das man langsam lesen sollte.

David Graeber: The Utopia of Rules (2015).
Graeber beschreibt das Zeitalter der totalen Bürokratisierung und stellt eine unbequeme Frage: Warum akzeptieren wir das? Seine Antwort: weil Bürokratie eine geheime Anziehungskraft hat. Sie verspricht Berechenbarkeit in einer unberechenbaren Welt. Der Preis ist die Vorstellungskraft. Ein Buch, das wütend macht und dabei sehr witzig ist.

Diane Vaughan: The Challenger Launch Decision (1996).
Vaughan hat den Begriff normalized deviance geprägt: der Prozess, durch den Abweichungen zur Norm werden, weil sie wiederholt ohne Katastrophe bleiben. Ihr Buch über die NASA zeigt, dass nicht die Regelverletzung gefährlich ist, sondern die perfekte Regelbefolgung in einem System, das die falschen Regeln hat.

Ivan Illich: Tools for Conviviality (1973).
Illichs These: Jede Institution wird ab einer bestimmten Schwelle kontraproduktiv. Die Schule, die das Lernen verhindert. Das Spital, das krank macht. Die Governance, die das Neue erstickt. Illich schrieb das 1973. Es liest sich, als hätte er an der letzten Board-Sitzung teilgenommen.

Gary Hamel und Michele Zanini: Humanocracy (2020).
Das aktuellste und praktischste Buch in dieser Liste. Hamel und Zanini argumentieren datengetrieben, dass Bürokratie nicht nur ärgerlich, sondern ökonomisch verheerend ist. Ihr konstruktiver Gegenentwurf: Organisationen, die ihren Mitarbeitenden zutrauen, was ihre Governance ihnen verbietet. Das Buch, das man liest, nachdem man wütend geworden ist, und das einem zeigt, dass es auch anders geht.

Diese Bücher widersprechen einander in vielem. Aber in einem Punkt sind sie sich einig: Das grösste Risiko ist nicht die falsche Entscheidung. Es ist das System, das verhindert, dass die richtige Frage gestellt wird.