Die Vermessung

Teilweise erreicht.

Der Stapel

Die Küche riecht nach Lauch. Das Abendessen war vor zwei Stunden, aber Lauch hält sich - das ist das Wesen von Lauch. Ruth Ammann hat den Tisch abgewischt, die Teller in die Maschine geräumt, die Pfanne eingeweicht, die Katze gefüttert, das Fenster gekippt, die Kaffeemaschine für morgen früh mit Wasser und Bohnen befüllt und den Geschirrspüler gestartet. Sie hat all das getan in der bestimmten Reihenfolge, in der man Dinge tut, wenn man die eigentliche Arbeit noch vor sich hat und das Abwaschen plötzlich eine erfreuliche Tätigkeit wird.

Vor ihr liegen achtundzwanzig Bewertungsbögen, für jedes Kind einer. Daneben ein Leitfaden, zwölf Seiten, verfasst in einer Sprache, die darauf trainiert ist, einfache Sachverhalte in mittlere Fremdwörter zu übersetzen. Aus «hinschauen, was ein Kind kann» ist «kriterienbasierte Kompetenzbeurteilung» geworden. Aus «verschiedene Fächer» sind «überfachliche Kompetenzdimensionen» geworden. Der Leitfaden enthält ausserdem eine Grafik mit vier Farben, die den Zusammenhang zwischen Lernzielen und Kompetenzstufen darstellt. Die Grafik hat Pfeile. Die Pfeile gehen in verschiedene Richtungen. Manche Pfeile gehen in Richtungen, die Ruth nicht erklären könnte, und sie vermutet, dass das für die Pfeile auch gilt.

Das Formular selbst hat sieben Felder. Drei für Kompetenzen, zwei für Lernverhalten, eines für Sozialverhalten, eines für Bemerkungen. Jedes Feld hat Platz für zwei Zeilen. Zwei Zeilen für ein halbes Jahr. Das ist weniger Platz, als man auf einer Postkarte hat, und Ruth hat noch nie eine Postkarte erhalten, die ein halbes Jahr zusammenfasst.

Das Formular ist neu. Es hat letztes Jahr das alte abgelöst, das fünf Felder und drei Zeilen hatte. Das alte war besser. Ruth sagt das aber nur ihrem Mann, nicht der Schulleitung, weil die Schulleitung das neue Formular an einem Workshop-Nachmittag eingeführt hat, an dem Kaffee und Gipfeli gereicht wurden und eine Frau von der Pädagogischen Hochschule sprach. Die Frau trug eine Brille mit rotem Gestell und sagte Dinge, die wahrscheinlich stimmten, aber so klangen, als wären sie für ein anderes Publikum gedacht. Ruth hat mitgeschrieben. Sie schreibt immer mit. Nicht weil sie alles für richtig hält, sondern weil Mitschreiben eine Form von Höflichkeit ist, die man sich angewöhnt, wenn man oft genug in Räumen sitzt, in denen jemand etwas vorträgt, das man nicht bestellt hat.

Es ist halb neun. Ihr Mann sitzt im Wohnzimmer und liest etwas über den Dreissigjährigen Krieg, er liest seit Oktober über den Dreissigjährigen Krieg, was eine gewisse thematische Konsequenz zeigt. Die Katze liegt neben ihm und tut das, was Katzen tun, wenn sie den Eindruck erwecken wollen, nie etwas anderes getan zu haben. Ruth legt den Kugelschreiber zurecht, nimmt den ersten Bogen vom Stapel und beginnt.

Die Stufen

Die Stufen heissen: noch nicht erreicht, teilweise erreicht, erreicht, übertroffen. Vier Möglichkeiten. Dazwischen gibt es nichts. Das ist, als würde man die Temperatur in vier Kategorien einteilen: kalt, lauwarm, warm, heiss. Man könnte damit leben, solange man nicht in einem Land wohnt, in dem es auch frische Frühlingsmorgende und feucht-schwüle Augustabende gibt.

Im September war Leo der Junge, den man sofort bemerkte, weil er alles tat, um bemerkt zu werden, und gleichzeitig litt, wenn man ihn bemerkte. Er redete dazwischen, er warf Stifte, er stand auf und setzte sich hin und stand wieder auf. Er weinte, wenn etwas nicht funktionierte, und manchmal, seltener, wenn etwas funktionierte. Die Kolleginnen sagten: schwierig. Die Schulische Heilpädagogin, eine freundliche Person, die in Fachbegriffen denkt wie andere in Hauptsätzen, sagte: abklären lassen. Ruth sagte vorläufig nichts, weil sie erst hinschauen wollte.

Im Oktober hat sie Leo neben sich gesetzt, an den Platz direkt neben dem Pult. Nicht als Strafe. Die anderen Kinder haben es trotzdem so verstanden, und Leo hat es auch so verstanden, und Ruth hat drei Tage gebraucht, um ihm zu erklären, dass es kein Strafplatz war, sondern sein Platz. Am vierten Tag hat Leo aufgehört, sich dafür zu schämen. Am fünften Tag hat er seine Sachen dort ausgebreitet, als gehöre der Platz ihm. Er gehörte ihm.

Im November hat Leo angefangen, Geschichten zu schreiben. Die Buchstaben krakelig, die Rechtschreibung eine Angelegenheit, die man als kreativ bezeichnen könnte, wenn man grosszügig ist. Aber die Geschichten waren da. Die erste handelte von einem Hund, der fliegen konnte, obwohl er Höhenangst hatte. Der Hund flog jeden Tag und hatte jeden Tag Angst und flog trotzdem. Ruth hat den Satz zweimal gelesen. Dann hat sie Leo gefragt, wie der Hund heisst. Der Hund hiess Karl. Ruth hat gelacht, und Leo hat auch gelacht. Es gibt Momente in Klassenzimmern, die so klein sind, dass sie durch jedes Beurteilungsraster fallen wie Staub durch ein Gitter. Das war einer davon.

Im Dezember hat Leos Mutter angerufen. Sie und der Vater hätten sich getrennt, sagte sie. Es gebe keinen besonderen Anlass, sagte sie, was ein Satz ist, den Eltern sagen, wenn sie einem Kind nicht erklären wollen, warum es einen besonderen Anlass gibt. Ruth hat am Telefon geantwortet, was man in solchen Fällen antwortet. Die Mutter hat sich bedankt. Ruth hat aufgelegt und eine Weile am Fenster gestanden. Es war kurz nach fünf und schon dunkel.

Im Januar war Leo still. Nicht still wie jemand, der still ist, sondern still wie jemand, dem jemand den Ton abgestellt hat. Er sass auf seinem Platz und schrieb keine Geschichten. Ruth hat ihm keine aufgetragen. Sie hat ihn in Ruhe gelassen, was manchmal das Schwierigste ist, was man als Lehrerin tun kann. Ein Kind in Ruhe lassen, wenn man sieht, dass es nicht ruhig ist.

Im Februar hat er eine zweite Geschichte geschrieben. Ein Vogel, der nicht singen konnte, aber so tat, als ob. Und die anderen Vögel haben es gemerkt, aber nichts gesagt, weil es schöner war so. Ruth hat die Geschichte gelesen und an den Kühlschrank gehängt, neben die Zeichnungen, die dort seit September hängen und die sie nicht abnimmt, weil Kinder sehen sollen, dass ihre Sachen bleiben.

Im März hat Leo eine Prüfung geschrieben: Mathe, und eine Vier bekommen. Das heisst: genügend, aber knapp. Es war die erste Prüfung, die er durchgestanden hat, ohne mittendrin aufzuhören. Der Unterschied zwischen einer Vier im März und einer Vier im September ist ungefähr so gross wie der Unterschied zwischen jemandem, der eine Treppe hinaufgeht, und jemandem, der eine Treppe hinaufgeht, nachdem die Treppe eingestürzt war und er sie zuerst wieder aufgebaut hat.

Ruth sitzt vor dem Bogen und soll Leos Mathematikkompetenz eintragen. Noch nicht erreicht ist falsch, weil er etwas erreicht hat, nämlich überhaupt in der Lage zu sein, eine Prüfung zu schreiben, nachdem sein Leben im Dezember auseinandergefallen ist. Teilweise erreicht ist technisch richtig. Erreicht ist zu viel. Übertroffen schon gar nicht, obwohl Leo, gemessen an seinem September, alles übertroffen hat, was Ruth für möglich gehalten hätte.

Sie kreuzt an: teilweise erreicht. Es ist nicht falsch. Es ist einfach nichts.

Der Mittwoch

Einmal im Quartal gibt es eine Sitzung, an der die Schulleitung die Ergebnisse bespricht. Die Sitzung findet mittwochs statt, im Lehrerzimmer, zwischen halb fünf und halb sechs, was eine Uhrzeit ist, zu der man keine wichtigen Entscheidungen mehr treffen sollte, an der aber zuverlässig welche getroffen werden. Es gibt Mineralwasser und manchmal Trauben. Die Trauben sind immer gewaschen. Das Mineralwasser ist immer ohne Kohlensäure. Ruth hat einmal Kohlensäure mitgebracht, und Markus hat sich bedankt und das nächste Mal wieder welches ohne bestellt.

Markus ist der Schulleiter, ein freundlicher Mensch, der früher selbst unterrichtet hat, gern und mit Überzeugung, wie man hört, und der jetzt Tabellen zeigt. Er zeigt sie mit dem Beamer an die Wand und sagt Dinge wie «da sind wir gut unterwegs» und «da schauen wir nochmal hin», was das Schulleiter-Äquivalent von «gut gemacht» und «weniger gut gemacht» ist, nur ohne das Risiko, jemanden persönlich anzusprechen. Die Tabellen haben Farben. Grün ist gut. Gelb ist Vorsicht. Rot ist bisher nicht vorgekommen, aber man hat das Gefühl, dass Markus die Kategorien so legt, dass Rot nicht vorkommt, so wie man einen Teppich so legt, dass der Fleck drunter verschwindet.

An der letzten Sitzung hat Markus eine Folie gezeigt, auf der die Lesekompetenz der Unterstufe als Balkendiagramm dargestellt war. Die Balken waren unterschiedlich hoch. Ruths Balken war niedrig. Markus hat nichts dazu gesagt. Er hat nur gesagt: «Da schauen wir nochmal hin», was er zu allen Balken sagt, die nicht grün sind, was den Satz zu einer Art Allzweckmittel macht, vergleichbar mit Kamillentee.

In dem Raum sassen elf Lehrerinnen, und jede wusste, welcher Balken zu ihr gehörte, und jede tat so, als ginge es um Balken und nicht um sie. Ruth hätte sagen können, dass drei Kinder in ihrer Klasse seit weniger als einem Jahr Deutsch sprechen. Dass ein weiteres Kind seit Dezember kaum noch liest, weil zu Hause alles auseinanderfällt. Dass man aus diesen Umständen keine Lesekompetenz ableiten kann, jedenfalls nicht die Art von Lesekompetenz, die einen Balken ergibt. Aber das hätte nach Ausrede geklungen, und Ausreden sind in Sitzungen ungefähr so beliebt wie Kohlensäure.

Nach der Sitzung hat Claudia, die seit dreissig Jahren unterrichtet und die man für nichts mehr erschrecken kann, auf dem Flur zu Ruth gesagt: «Das mit den Balken, nimm dir das nicht zu Herzen.» Ruth hat gesagt: «Mache ich nicht.» Das war eine Lüge, aber eine nützliche, eine von der Sorte, die man sagt, damit alle weitergehen können.

Am nächsten Tag hat Ruth im Unterricht zwanzig Minuten Lesetraining eingebaut. Die zwanzig Minuten hat sie vom freien Schreiben abgezogen, weil der Tag nicht mehr Minuten hat, nur weil jemand eine Folie zeigt.

Leo hat an dem Tag keine Geschichte geschrieben.

Das System

Das Formular ist nicht böswillig. Es wäre einfacher, wenn es das wäre, dann könnte man es bekämpfen und hätte einen Feind. Aber es ist kein Feind. Es ist der aufrichtige Versuch, etwas Undurchsichtiges durchsichtig zu machen. Achtundzwanzig Kinder, sechs Klassen, drei Schulhäuser, eine Gemeinde, ein Kanton. Irgendwo muss verglichen werden, und zum Vergleichen braucht man ein Mass, und das Mass braucht Kategorien, und die Kategorien brauchen Stufen, und die Stufen brauchen Definitionen, und am Ende hat man ein System, das so vernünftig klingt, dass man es fast vergisst, es zu hinterfragen.

Das System liefert Zahlen. Man kann sie in Tabellen setzen, die Tabellen in Berichte, die Berichte in Ordner, die Ordner in Regale, die Regale in Amtsstuben, die Amtsstuben sind klimatisiert. Die Zahlen stimmen. Sie messen genau das, was sie zu messen vorgeben. Das Problem ist nur, dass das, was sie vorgeben zu messen, mit dem, was in einem Klassenzimmer geschieht, ungefähr so viel zu tun hat wie ein Passfoto mit einem Menschen. Das Passfoto stimmt auch. Aber man würde niemanden daran erkennen.

Ruth denkt manchmal, dass es überall so sein muss. Dass in Spitälern die Liegedauer sinkt, nicht weil die Patienten gesünder sind, sondern weil jemand die Liegedauer misst. Dass irgendwo Umfragen so formuliert werden, dass am Ende alle zufrieden sind, jedenfalls auf dem Papier. Und dass in Schulen die Prüfungsergebnisse besser werden, weil auf die Prüfung hin unterrichtet wird. Sie denkt das nicht als Theorie. Sie denkt es, weil sie es sieht, jeden Tag, in ihrem eigenen Klassenzimmer.

Ruth unterrichtet nicht auf die Prüfung hin. Sie weiss, dass manche Kolleginnen es tun, nicht aus Überzeugung, sondern weil die Ergebnisse besprochen werden und niemand der Balken sein möchte, auf den «nochmal hingeschaut» wird. Hingeschaut klingt freundlich. Es ist auch freundlich gemeint. Aber wenn einem freundlich auf die Finger geschaut wird, tun die Finger hinterher trotzdem etwas anderes.

Der Abend

Ruth ist bei Bogen Nummer elf. Es ist kurz nach zehn. Ihr Mann ist ins Bett gegangen und hat gesagt: «Lass es nicht zu spät werden», was er immer sagt, mit der gleichen Überzeugung, mit der man einem Fluss sagt, er soll nicht so schnell fliessen.

Manche Bögen gehen schnell. Emma: erreicht, erreicht, gut erreicht, vorbildlich. Zwei Minuten. Bei Emma stimmen die Stufen, weil Emma in das System passt. Sie ist aufmerksam, fleissig, freundlich, und ihre Eltern kommen zu jedem Elternabend und stellen die richtigen Fragen in der richtigen Reihenfolge. Emma wird in Ordnung sein. Das weiss Ruth, und das weiss das Formular, und für einen kurzen Moment herrscht zwischen den beiden ein seltenes Einvernehmen.

Andere Bögen dauern.

Sara spricht seit Oktober nicht mehr im Unterricht. Das ist kein Versprecher, kein Ungefähr. Sie spricht nicht. Sie versteht alles, sie schreibt in den Prüfungen Bestnoten, sie macht ihre Hausaufgaben ohne Fehler. Aber sie hat aufgehört, Worte in den Raum zu geben. Nicht mit Ruth, nicht mit den Kindern, nicht in der Pause. In der Pause steht sie am Rand des Pausenplatzes und schaut zu, und manchmal bewegt sie die Lippen, als übe sie etwas, das sie nicht aufführen wird. Die Mutter sagt, zu Hause rede Sara ganz normal. Der Kinderarzt sagt, alles in Ordnung. Das Formular verlangt für das Feld «Sozialverhalten» eine Stufe.

Matteo kann rechnen. Nicht gut, nicht genügend, nicht befriedigend. Rechnen. Er löst Aufgaben so schnell, dass es manchmal wirkt, als würde er die Antworten nicht berechnen, sondern sich an sie erinnern, als hätte er sie schon einmal gesehen, in einem früheren Leben, in dem er Mathematikprofessor war. Aber Texte, die länger sind als drei Sätze, verliert er. Die Buchstaben rutschen ihm weg, hat er einmal gesagt, und Ruth hat nicht nachgefragt, weil sie fand, das sei die beste Beschreibung, die sie je für eine Leseschwäche gehört hat. Im Durchschnitt liegt Matteo im mittleren Feld.

Aisha sprach im September kein Wort Deutsch. Ihre Familie kam im August aus Syrien, über die Türkei, über Griechenland, über eine Route, die Ruth sich abends auf der Karte angeschaut hat. Sie hat mit dem Finger die Strecke nachgefahren und dann den Finger wieder weggenommen, weil es sich anmassend anfühlte, eine Flucht mit dem Zeigefinger nachzufahren. Aisha sass in den ersten Wochen still da und schaute. Ruth hat sie malen lassen, weil Malen keine Sprache braucht. Aishas Bilder waren bunt und voll und manchmal so, dass Ruth sie in die Schublade legte, statt sie aufzuhängen.

Im November hat Aisha angefangen zu sprechen. Im Dezember ganze Sätze. Im Februar Züritüütsch, ganze Sätze mit Dialektwörtern, die sie sich von den anderen Kindern geholt hat wie Murmeln auf einem Pausenplatz. «Häsch mer es Rüebli?» hat sie eines Mittags gesagt, und Ruth hat gelacht, und die Kinder haben gelacht, und es war ein Lachen, das nichts ausschloss.

Das Formular misst Deutsch als Kompetenz: Hörverständnis, Leseverständnis, Schreiben. Aisha liegt in allen Feldern unter dem Soll. Die Reise von August bis März, von keinem Wort bis Züritüütsch, hat kein Feld. Es gibt kein Kreuzchen für «Häsch mer es Rüebli».

Ruth schreibt: teilweise erreicht, teilweise erreicht, noch nicht erreicht. Im Feld «Bemerkungen» hat sie Platz für zwei Zeilen. Sie schreibt: «Aisha macht grosse Fortschritte in der Sprachentwicklung.» Dann schaut sie auf das, was sie geschrieben hat, und schaut auf das, was sie weiss, und zwischen den beiden liegt ein ganzes Jahr.

Das Gewicht

Ruth weiss Dinge über ihre Klasse, die in keinem Bogen stehen.

Sie weiss, dass Leo am besten arbeitet, wenn es regnet, weil der Regen ihn beruhigt, und dass er am schlechtesten arbeitet, wenn es windig ist, was sie sich nicht erklären kann und auch nicht versucht. Sie weiss, dass Emma andere Kinder tröstet, leise und ohne Aufhebens, und zwar so, dass das getröstete Kind hinterher glaubt, es habe sich selbst getröstet. Das ist eine bemerkenswerte Fähigkeit für eine Achtjährige. Sie kommt in keinem Kompetenzraster vor. Sie weiss, dass Sara alles sieht; wer traurig ist, bevor die Person es selbst weiss. Und dass sie nichts sagt.

Sie weiss, dass Matteo den Pausenplatz meidet, seit Noah im November etwas zu ihm gesagt hat, das niemand gehört hat ausser Matteo. Sie weiss es nicht, weil sie es gehört hat, sondern weil Matteo seitdem den langen Weg zur Turnhalle nimmt, den über den Parkplatz statt den über den Pausenplatz. Das sind hundertzwanzig Schritte mehr, jeden Tag, seit November.

Dieses Wissen hat keinen Ort. Es steht in keinem Bericht, es fliesst in keine Statistik, es erscheint auf keinem Dashboard. Es ist da, es ist wesentlich, und es ist unsichtbar. Nicht weil jemand es versteckt, sondern weil das System, das die Sichtbarkeit organisiert, keinen Platz dafür vorgesehen hat. Das System hat Platz für vier Stufen und sieben Felder und zwei Zeilen.

Die Bögen werden eingesammelt. Dann werden sie digitalisiert. Dann aggregiert. Aus achtundzwanzig Kindern wird eine Tabelle. Aus der Tabelle wird ein Durchschnitt. Aus dem Durchschnitt wird ein Balken in einem Bericht, den die Schulpflege liest. Niemand in dieser Kette lügt. Die Lehrerin füllt aus, die Schulleitung sammelt ein, die Behörde wertet aus. Jeder tut, was das System verlangt. Jede Stufe ist gewissenhaft. Und mit jeder Stufe verschwindet etwas.

Der Morgen

Ruth stapelt die fertigen Bögen, legt den Leitfaden daneben und schaltet die Lampe aus. Es ist kurz vor Mitternacht. Die Spülmaschine ist fertig. Die Katze sitzt auf der Treppe und blinzelt sie an, was entweder Zuneigung bedeutet oder Hunger, mit Katzen weiss man das nie, das ist das Angenehme an Katzen: sie entziehen sich der kriterienbasierten Beurteilung.

Im Flur stehen die Schuhe ihres Mannes, ordentlich nebeneinander, so wie er alles ordentlich nebeneinander stellt. Ruth geht nach oben, putzt sich die Zähne und liegt eine Weile wach und denkt an nichts Bestimmtes.

Morgens um halb acht steht sie vor der Klasse. Die Kinder kommen rein, Jacken an die Haken, Taschen auf die Stühle, das übliche Gewirr aus Stimmen und Reissverschlüssen. Sara geht zu ihrem Platz, ohne jemanden anzuschauen. Aisha ruft Matteo etwas zu, auf Züritüütsch, und Matteo grinst. Emma ordnet ihre Stifte in einer Reihenfolge, die nur sie versteht.

Leo kommt als Letzter. Er bleibt vor Ruths Pult stehen und sagt, er habe gestern Abend eine neue Geschichte angefangen. Diese handelt von einer Katze, die unsichtbar wird, wenn sie traurig ist.

«Und dann findet sie jemand», sagt Leo. «Obwohl man sie nicht sieht.»

Ruth wartet.

«Weil er genau hinschaut», sagt Leo.

Ruth sagt: «Das klingt gut. Schreib sie fertig.»

Leo geht zu seinem Platz, dem Platz neben dem Pult, der seit Oktober seiner ist. Er holt das Heft heraus, das mit den Eselsohren am Umschlag, das Ruth ihm im Oktober gegeben hat, als sie noch nicht wusste, dass er Geschichten schreiben würde. Er schlägt es auf und beginnt zu schreiben, langsam, die Zungenspitze zwischen den Lippen.

Christian Ziegler. Teilweise erreicht